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Kultur Mit dem Auto um die Welt
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18:18 17.09.2009
Von Simon Benne
Frau am Steuer: Fräulein Stinnes will mit dem Auto um die Welt.
Frau am Steuer: Fräulein Stinnes will mit dem Auto um die Welt. Quelle: taglicht media
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Jede starke Frau muss gegen den Vorwurf der Zickigkeit kämpfen. Das ging auch Clärenore Stinnes nicht anders. Als sie sich anschickte, als erste Frau der Welt die Erde mit dem Auto zu umrunden, galt die erst 26-jährige Industriellentochter und Rallyefahrerin vielen als exaltiertes, verzogenes Reiche-Leute-Kind. Doch gegen alle Widerstände setzte sie sich durch – und am Ende gab ihr der Erfolg recht. Jedenfalls fast, denn obwohl ihre Fahrt zu den wohl atemraubendsten Abenteuergeschichten des vergangenen Jahrhunderts zählt, ist sie fast vollständig dem Vergessen anheimgefallen.

Regisseurin Erica von Moeller erzählt die faszinierende Geschichte jetzt in ihrem dokumentarischen Spielfilm „Fräulein Stinnes fährt um die Welt“ neu. Im Jahr 1927 – auf deutschen Straßen fahren erst 4730 Autos, Treibstoff kauft man in der Apotheke – macht sich das Wunderfräulein mit zwei Technikern und dem schwedischen Kameramann Carl-Axel Söderström auf die Reise. Sie erleben Schikanen an der türkischen Grenze, ihr „Adler Standard 6“ muss Flüsse und Berge überwinden. Stinnes verteilt Medizin an kranke Kurdenkinder, in der syrischen Wüste gibt die Ölpumpe den Geist auf, im Kaukasus geht die Achswelle kaputt. Auch das Team zerbricht angesichts der Strapazen, nur Söderström bleibt bei Stinnes. Gemeinsam fahren sie über den zugefrorenen Baikalsee, fliehen in der Wüste Gobi vor Räuberbanden und trinken in den Anden bei glühender Hitze das Wasser aus dem Kühler. „Diese Frau muss aus Stahl gemacht sein“, sagt der Kameramann an einer Stelle.

Der dokumentarische Spielfilm "Fräulein Stinnes fährt um die Welt" von Regisseurin Erica von Moeller läuft am 18. September im Kino an.

Sein unterwegs gedrehtes Material lief 1931 als Dokumentarfilm „Im Auto durch zwei Welten“ in den Kinos. Regisseurin von Moeller kombiniert die alten Aufnahmen mit neu gedrehten Spielszenen. Darin verkörpert Sandra Hüller die Autopionierin mit kühlem Charme; selbstbewusst wie ein Generalstabsoffizier beugt sie sich über Landkarten und sagt den Männern, wo’s langgeht. Der Film verzichtet auf Kommentare aus dem Off. Stattdessen gibt es kurze Texttafeln in Stummfilmoptik.

Das kleine Epos erzählt von einer Zeit, in der das Auto ein Instrument zur Weltbemächtigung war wie heute das Internet. Nur, dass es nicht virtuell funktionierte, sondern in echt, jedenfalls wenn es funktionierte. Freilich zeigt der Film auch, wie die Lust an der Schnelligkeit den Blick oberflächlich werden lässt: Von Stalins Terror etwa bemerken die Reisenden nichts, weil sie durch die Sowjetunion hetzen, um nicht in den sibirischen Winter zu geraten. Sogar das Mittagessen versagt die Stinnes ihrer Crew, um Kilometer zu machen. Ihr Credo „Ich will die Welt aus eigener Anschauung kennenlernen“ wirkt dabei etwas hohl.

Bei ihrer Heimkehr nach mehr als zwei Jahren und 48.000 Kilometern wurden Stinnes und Söderström auf der Berliner Avus stürmisch gefeiert. Etwas blass bleibt im Film, wie der gemeinsame Weg beide zueinander führte. Der Kameramann ließ sich nämlich scheiden und heiratete Stinnes. Sie bekamen drei Kinder und betrieben Landwirtschaft in Schweden. Dort starb Clärenore Söderström 1990. Eine vergessene Heldin.

Vom 18. September an im hannoverschen Kommunalen Kino im Künstlerhaus.

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