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Kultur Milo Raus „Mitleid“ bei den Theaterformen
Nachrichten Kultur Milo Raus „Mitleid“ bei den Theaterformen
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00:21 15.06.2018
Effektvoll die Fassung verlieren: Ursina Lardi in Milo Raus „Mitleid“. Quelle: Daniel Seiffert
Braunschweig

Das vergangene Jahr war das bislang erfolgreichste für den Schweizer Regisseur Milo Rau. Der 41-Jährige erhielt gleich eine ganze Reihe von Preisen, Stücke von ihm wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen und von Kritikern zur „Inszenierung des Jahres“ gewählt, er selbst wurde „Regisseur des Jahres“. Es ist also kein Exot, der sich jetzt beim Festival Theaterformen in Braunschweig mit einer Produktion präsentiert, die schon 2016 an der Berliner Schaubühne Premiere hatte. Aber das Stück „Mitleid“, ein verstörender Doppelmonolog für die Schauspielerinnen Consolate Sipérius und Ursina Lardi, passt perfekt zur Besichtigung des afrikanischen Kontinents, die das Festival in diesem Jahr unternimmt. So hat Theaterformen-Leiterin Martine Dennewald zugegriffen, obwohl das Gute hier ausnahmsweise einmal sehr nah lag.

Mitleid“ erzählt quasi-dokumentarisch vom Völkermord in Ruanda. Erst hat die ruandische Schauspielerin Consolate Sipérius das Wort, die vom Tod ihrer Eltern und der Adoption nach Belgien berichtet. Dann spricht Ursina Lardi über ihre Erfahrungen: zunächst von Recherchereisen zur Vorbereitung auf das Stück in Flüchtlingscamps am Mittelmeer, später von ihrer früheren Tätigkeit bei einer NGO im Kongo nahe der ruandischen Grenze.

Nach anfangs naiven bis zynischen Beschreibungen (“Die syrischen Flüchtlinge sehen alle aus wie Hipster. Fast schämt man sich, ihnen in normaler Kleidung zu begegnen“) kippt der Abend immer weiter ins Dunkle. Lardi berichtet, wie sie einem Mann aus Ruanda das Leben gerettet hat und wie viele andere auf grausame Weise umgekommen sind. Im Strudel der Ereignisse wird immer unklarer, wer Opfer und wer Täter ist. Ob Hutu, Tutsi oder NGO-Mitarbeiter: „Alle sind Arschlöcher“ lautet das desillusionierte Fazit.

Auf der effektvoll vermüllten Bühne kann man dabei kaum zwischen Fiktion und Fakten unterscheiden. Am höchsten ist der Leidensdruck der Geschichte ausgerechnet, wenn Lardi einen Traum schildert: Sie muss darin kurz vor ihrer überstürzten Abreise aus dem in Flammen aufgehenden Flüchtlingscamp ihre engste Mitarbeiterin demütigen. Wenn sie davon spricht, schiebt sie auch auf der Bühne den Saum ihres eleganten Kleides ein wenig nach oben, um wie in der Erzählung auf den Boden zu pinkeln. Statt der bedrohlichen Angreifer aus dem Traum sehen ihr nun Theaterbesucher zu. Kaum möglich, sich dabei nicht schuldig zu fühlen.

Lardi treibt in der Szene auf die Spitze, worin sie ohnehin Expertin ist: Kaum eine andere Schauspielerin kann ihre strenge Fassade so effektvoll implodieren lassen wie sie. Auf einer Videowand, die vergrößert ihr Gesicht zeigt, kann man sehen, wie ein bisschen Feuchtigkeit in den Augen ihre feste Haltung wegzuspülen scheint. Die beiläufige Art, in der sie die Fassung verliert, passt zu der Methode, mit der Regisseur Rau auch die Zuschauer im Verlauf der Aufführung immer weiter verunsichert, bis sie die übliche Distanz ablegen. Natürlich ist das alles nur Theater. Doch man spürt hier die grausame und komplizierte Wirklichkeit darin.

Das Festival Theaterformen dauert noch bis zum 17. Juni.

Von Stefan Arndt

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