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Kultur „Mitten durchs Land – Eine deutsche Pilgerreise“ von Peter Schanz
Nachrichten Kultur „Mitten durchs Land – Eine deutsche Pilgerreise“ von Peter Schanz
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20:32 04.12.2009
Von Ronald Meyer-Arlt
Grenzerfahrung: Peter Schanz ist mitten durch Deutschland gegangen.
Grenzerfahrung: Peter Schanz ist mitten durch Deutschland gegangen. Quelle: Nico Herzog
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Vor zehn Jahren, damals war er 42, kündigte er seine Festanstellung als Dramaturg und künstlerischer Direktor am Staatstheater Braunschweig. Und machte etwas ganz anderes: Er gönnte sich eine Weltreise auf einem Containerschiff.

Es war eine Urlaubsreise, eine Erlebnisreise und ein Kunstprojekt. Denn jeden Tag hat Peter Schanz ein Foto gemacht. Er hatte einen guten Fotoapparat dabei, ein Erbstück seines Vaters: eine Rolleiflex mit einem 6x6-Farbnegativfilm in der Kassette. Damit hat er jeden Tag fotografiert – ein Foto, nur ein einziges. Das Motiv war immer dasselbe: die See. Wasser. Blaues Wasser, grünes Wasser, graues Wasser. Sonst nichts, keine Schiffe, keine Strände, keine Wolken. Nur Wasser. Atlantikwasser, Hafenwasser, Pazifikwasser. Peter Schanz wollte Kunst machen – und das ist ihm mit seinen quadratischen Meeresansichten auch gelungen. Seine Bildserie wurde ausgestellt, er hat einen Galeristen gefunden, der sich um sein fotografisches Werk kümmert. Irgendwann hat das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ die Wasserbilder von Peter Schanz abgedruckt.

Und dann hatte der ehemalige Dramaturg, der nun Weltreisender und Fotograf geworden war, einfach Glück. Ein Grafiker des Hanser Verlages, der auf der Suche nach einer Illustration für den Einband einer neuen „Moby Dick“-Ausgabe war, stieß auf die See-Bilder von Peter Schanz und nahm mit ihm Kontakt auf. Dabei erzählte ihm der Fotograf, dass er auch als Autor tätig sei und Texte über seine Reise mit dem Containerschiff verfasst hatte. Im Verlag wurde man neugierig und ließ sich das Manuskript schicken. So kam im Jahr 2003 das Buch „87 Tage Blau. Logbuch einer Erdumrundung“ heraus. Peter Schanz, ehemaliger Dramaturg, Weltreisender und Fotograf, war zum Schriftsteller geworden. Jetzt hat er sein neues Buch vorgelegt. Es ist wieder ein Reisebericht geworden.

Im vergangenen Jahr ist Peter Schanz die ehemalige deutsch-deutsche Grenze entlanggegangen. Er hat nachgeschaut, was davon heute noch zu sehen ist. Und er hat viel gefunden: Kolonnenweg, Wildnis, unberührte Natur – mitten in Deutschland. Das Buch, das er darüber geschrieben hat, heißt „Mitten durchs Land – Eine deutsche Pilgerreise“, ist gerade im Berliner Aufbau Verlag erschienen – und von Sonnabend, 12. Dezember, an als Fortsetzungsroman in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung zu lesen.

75 Tage ist Peter Schanz auf der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze unterwegs gewesen, 1500 Kilometer hat er dabei zurückgelegt, ein Paar Wanderstiefel zerschlissen und fünf Moleskin-Notizbücher verbraucht.

Beim Wandern – oft im Sturm, oft im Regen, oft ohne einen anderen Menschen zu treffen – hat er Gedanken und Beobachtungen aufs Band gesprochen. Abends dann in Wirtshäusern – oft kleine Absteigen, oft mit verzweifelten Wirten, oft mit gutem Bier – hat er das, was er am Tag gesprochen hat, ins Notizbuch übertragen. Zu Hause hat er weiter daran herumgefeilt, gekürzt, verdichtet – und so ist ein 256 starkes Buch entstanden.

Es ist ein sensibler Reisebericht über ein Gebiet, das manchmal Niemandsland, manchmal Paradies ist. Es ist eine Zeitdiagnose, die feststellt, dass wir Deutschen mit der Einheit im Grunde schon ziemlich weit gekommen sind, und es ist ein angenehm persönlicher, aber nicht aufdringlicher Erfahrungsbericht. Man leidet ein bisschen mit dem Autor, wenn er vom Ziehen im Rücken und dem schmerzenden Knie berichtet, von unpassierbaren Wegen und unfreundlichen Wirten.

Für Peter Schanz ist der Reiseweg auch ein bisschen Lebensweg: Seine Reise auf dem Kolonnenweg beginnt in Regnitzlosau im Landkreis Hof in Bayern, und sie endet in Travemünde in Schleswig-Holstein. Das passt zum Lebenslauf des Autors. Der wurde 1957 in Bamberg/Oberfranken geboren und lebt jetzt mit seiner Frau (und drei gelegentlich anwesenden erwachsenen Kindern) auf der Ostseeinsel Fehmarn. Manchmal arbeitet er noch an seinem alten Theater, wo er als eine Art Wittenbrink für Braunschweig sehr erfolgreiche regionale Theaterprojekte (mit der Jazzkantine) stemmt. Gerade hat er ein Theaterstück für die Landesbühne Wilhelmshaven geschrieben, eine Revue über den verrückten Musikklub „Meta“ in Norden. Premiere soll im Sommer sein. So kommt Peter Schanz immer noch ganz schön in Deutschland rum. Aber so verrückt wie auf seiner Grenztour ist das heute nicht mehr.

Auf seiner Wanderung durch Deutschland ist er in Orten vorbeigekommen, die Juchhöh (im Saale-Orla-Kreis) heißen oder Stixe (Landkreis Lüneburg), Bächlein (Landkreis Kronach) oder Tann (Landkreis Fulda), Hohegeiß (Landkreis Goslar) oder Untersuhl (Landkreis Wartburgkreis). Einmal war er auch in Einöd (Landkreis Hildburghausen in Thüringen). Aber nur einmal.