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Kultur „Mörderische Unterhaltung“
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18:36 24.04.2015
Streitobjekt seit Jahrzehnten: Alfred Hrdlickas Haarmann-Fries im Sprengel-Museum. Quelle: Henning Queren

Fritz Haarmann, der Serienmörder, der in den Zwanzigerjahren mindestens 24 junge Männer ermordete und ihre Kleidung und auch ihr Fleisch verkauft haben soll, ist eine hannoversche Berühmtheit geworden. Wie ein Geist taucht er immer wieder auf - und immer wieder gibt es Streit um ihn. Viele empfinden es als geschmacklos, dass er (mit Hackebeil) auf hannoverschen Adventskalendern auftauchte, viele stört auch die Fahne mit dem Haarmann-Kopf, die im Stadion zu sehen war.

Ein Kinderschänder und Massenmörder als Ikone der Stadtwerbung? Das passt vielen nicht. Die Auseinandersetzung mit Haarmann wird weitergehen. Das Schauspiel Hannover hat für die kommende Spielzeit ein Musical über den Massenmörder angekündigt, vielleicht wird die Haarmann-Fahne nach der Rückkehr der Ultras wieder im Stadion zu sehen sein, und möglicherweise kann auch das Sprengel-Museum ein bekanntes Kunstwerk zum Thema demnächst wieder aus dem Depot hervorholen.

Als der Haarmann-Fries des Bildhauers Alfred Hrdlicka zum ersten Mal präsentiert wurde, kam es zum Eklat. „Geschmacklos“, „Verherrlichung sexueller Gewalt“, „Verhöhnung des gesunden Volksempfindens“, lauteten die Vorwürfe. Geradezu „lauthals“ soll sich da mit solchen Worten der Verwandte eines Haarmann-Opfers geäußert haben, erinnert sich Norbert Nobis, damals Chef der Grafikabteilung, an jenen Tag im Februar 1992, an dem im Sprengel-Museum Hrdlickas Haarmann-Fries der Öffentlichkeit als Neuerwerbung vorgestellt wurde.

Das knapp zwei Meter lange Werk des österreichischen Künstlers, das den Massenmörder nackt hinter einer Art Schlachtbank mit Leichenteilen und darauf noch zusätzlich beim Ausweiden einer Leiche zeigt, löste damals eine bundesweite Welle der Empörung aus, in der mal das Werk, mal sein Schöpfer als „ekelerregend“, „pervers“ oder „empörend“ bezeichnet wurde. Die Kritik gipfelte im Vorwurf, hier werde einem Massenmörder wie einem Vorbild geradezu ein Denkmal gesetzt.

Das Sprengel-Museum hat damals zwar die Erregung über das Hrdlicka-Werk nach außen hin ruhig ertragen, seither den Haarmann-Fries aber kaum je gezeigt. Ebenso selten wie übrigens die damals gleichfalls erworbene Mappe mit Haarmann-Grafiken des Wiener Künstlers. Wäre die Zeit dafür mit der Eröffnung des Sprengel-Erweiterungsbaus, bald 25 Jahre nach dem damaligen Eklat, vielleicht reif? Direktor Reinhard Spieler mag sich noch nicht festlegen, seine Stellvertreterin Carina Plath hält eine Präsentation des Frieses und der Grafiken aber für denkbar, durchaus mit Hinweisen auf Haarmanns Taten, aber auch auf den damals von Theodor Lessing dokumentierten Umgang mit dem Täter.

„Zuallererst müsste Hrdlickas Werk dann aber künstlerisch eingeordnet und erläutert werden.“ Norbert Nobis sieht eine solche Haarmann-Präsentation sogar als notwendig an. „Es ist Aufgabe von Museen, Kunst zu zeigen, auch solche Werke, die Widerspruch hervorrufen und Debatten auslösen.“ Dabei müsse natürlich zum Ausdruck kommen, was Haarmanns Mordserie damals für Ängste in der Stadt ausgelöst hat. „Zum Ausdruck kommen muss aber auch, dass Hrdlickas Arbeiten keines der Opfer verunglimpfen und dem Massenmörder kein Denkmal setzen, sondern allenfalls ein Mahnmal sind.“ Nobis hat auch schon einen Vorschlag, wo und wann die Hrdlicka-Präsentation stattfinden könnte. „Das wäre doch für die Wiedereröffnung des Skulpturengartens geeignet.“ Dort hat der Haarmann-Fries nach seiner Erinnerung schon einmal einige Zeit gestanden.

Auf die Bühne hat es die Figur des Massenmörders auch längst geschafft. Anfang 2001 gab es im hannoverschen Ballhof die Uraufführung von Marius von MayenburgsHaarmann“. Die Kritik in der HAZ begann mit den Worten: „Nein, kein Skandal. Wer befüchtet (oder gehofft) hatte, dass die Uraufführung des jüngsten Haarmann-Stückes im hannoverschen Ballhof übergroße Aufregung hervorrufen würde, kann sich zurücklehnen.“

15 Jahre später soll ein Musical über Haarmann in Hannover uraufgeführt werden. Der Dramatiker Nis-Momme Stockmann schreibt gerade daran. Am 6. Februar soll die Premiere im Schauspielhaus sein. Inszeniert wird das Stück vom Intendanten Lars-Ole Walburg, der auch die Uraufführung von Stockmanns Banker-Stück „Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir“ am Schauspiel Hannover inszeniert hat. Und zwar mit großem Erfolg.

Das neue Stück zu Haarmann trägt den Titel „Amerikanisches Detektivinstitut Lasso“ - das bezieht sich auf die Visitenkarten, die Haarmann, der als Polizeispitzel tätig war, bei sich führte.

Ein Musical soll es sein. Geht das? Ist das nicht eine zu leichte Form für ein zu schweres Thema? Im Grunde ist daran nichts problematisch. Ein Künstler entscheidet sich für eine Darstellungsform - das muss er tun. Ob die Darstellungsform dem Thema angemessen ist, entscheidet später das Publikum (und vielleicht, ein kleines bisschen, auch die Theaterkritik).

Es ist keinesfalls so, dass das Musical eine Gattung ist, die eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einem Thema verhindern würde. Selbstverständlich ist ein Musical in erster Linie Unterhaltung, aber es kann durchaus ein ernsthaftes Anliegen haben. In „Cabaret“ etwa zeigen John Kander, Fred Ebb und Joe Masteroff den aufkommenden Nationalsozialismus in Berlin. Darin gibt es ein sehr schönes Lied. „Der morgige Tag ist mein“ beginnt wie ein einfaches Volkslied und steigert sich dann zur gewaltigen, kämpferischen Nazi-Hymne. Das in einer gut gemachten Inszenierung zu hören, kann eine intensive Theatererfahrung sein.

Von Ronald Meyer Arlt und Alexander Schacht

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