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Kultur Molnárs "Liliom" im Schlosstheater Celle
Nachrichten Kultur Molnárs "Liliom" im Schlosstheater Celle
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15:14 16.04.2010
Von Heinrich Thies
Molnárs "Liliom"
Rummelbekanntschaft: Oliver Jaksch (Liliom) und Gabriela Lindlova (Julie) Quelle: Jochen Quast
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Der Mann schlägt seine Frau, hat ein Spatzenhirn und eine große Klappe, ist grob, kriminell, ordinär und gewalttätig. Dieser Kerl mit dem Spitznamen Liliom, der als Ausrufer auf dem Rummelplatz jobbt, ist der traurige Titelheld eines Stückes von Ferenc Molnár, das als „Vorstadtlegende in sieben Bildern“ 1909 in Budapest uraufgeführt wurde. Danach wurde es in der ganzen Welt nachgespielt und auch dreimal verfilmt.

Es beginnt damit, dass Liliom ein Dienstmädchen schwängert und sich dazu überreden lässt, einen Geldboten zu überfallen. Doch die Sache geht schief. Und bevor Liliom verhaftet wird, ersticht er sich. Damit ist die Geschichte aber nicht zu Ende. Es folgt ein himmlisches Nachspiel. Im Jenseits wartet schon die Himmelspolizei. Nach 16 Jahren Fegefeuer erhält Liliom die Chance, seine Seele zu retten, indem er noch mal auf die Erde zurückkehrt. Für ­Liliom steht sofort fest, dass er seiner Tochter Luise, die er ja nie kennengelernt hat, etwas Gutes tun will. Aber leider kriegt er auch das nicht auf die Reihe.

In der Schlosstheater-Inszenierung hat Liliom seiner Tochter einen gefrorenen Stern aus dem Jenseits mitgebracht. Als Luise das Mitbringsel störrisch zurückweist, schlägt der unbeherrschte Vater auch sie – und der gefrorene Stern schmilzt in seinen Händen. Das ist nur eines von vielen eindrucksvollen Bildern, die die Inszenierung von Ina-­Kathrin Korff zu einem Erlebnis machen. Schon die von Manfred Breitenfellner gestaltete Bühne spricht für sich. Die Spielfläche ist – im Himmel wie auf Erden – begrenzt von rostigen Fassaden. Die Ausweglosigkeit dieses märchenhaften Sozialdramas ist damit zum Bild erhoben. Auch die Sprache lässt die Akteure nicht zueinander finden. Sie sprechen aneinander vorbei – meist in abgerissenen Worthülsen.

Die Regisseurin verzichtet auf jede Rummelplatzromantik und arbeitet stattdessen die stillen, beklemmenden Momente heraus. Volkstheater ist das nicht. Hans Albers gab Liliom 1946 in einer umjubelten Aufführung des Berliner Hebbeltheaters noch als populären Frauenhelden. Doch in Celle ist Liliom vor allem ein fieser Schlägertyp mit dickem Bauch und schwarzer Lederjacke. Oliver Jaksch (der an der Landesbühne Hannover tätig war) aber gewinnt dieser Figur abgründige Momente ab. Eine wachsende Angst durchbricht bei ihm die raue Oberfläche. Vielschichtig legt Gabriela Lindlova ihre Rolle der Julie an. Sie spielt die trotzige Selbstbehauptung einer Dienstmagd, zeigt aber auch deren Verletzlichkeit.

Nach einer Identifikationsfigur sucht man vergebens. Die Celler Inszenierung dokumentiert in bedrückenden Bildern, dass es keine Erlösung aus dem Kreislauf der Alltagsgewalt gibt. Ein „Jedermann“ der Kellerkinder. Der liebe Gott ist ein schlecht gelaunter Buchhaltertyp und die himmlische Gerechtigkeit nur ein Schmarren. „Der hat ja immer noch das gleiche Hemd an“, ruft eine alte Dame aus dem Publikum, als Liliom bei seiner Bewährungsprobe aus dem Jenseits in seinem blutigen T-Shirt in die Wohnstube Julies tritt. Der Zwischenruf könnte Teil der Inszenierung sein. Applaus.

Das Stück ist noch bis zum 2. Mai täglich um 20 Uhr zu sehen. Kartentelefon: (0 51 41) 9 05 08 75.