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Kultur Monumentale Theodor-Lessing-Werkausgabe geplant
Nachrichten Kultur Monumentale Theodor-Lessing-Werkausgabe geplant
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08:00 17.07.2010
Von Simon Benne
Rainer Marwedel und Alexander Kosenina (rechts)
Lessing-Freunde: Rainer Marwedel und Alexander Kosenina (rechts) Quelle: Handout
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Seit 1978 beschäftigt er sich jetzt mit dem Mann und seinem Werk. Er hat über ihn promoviert und eine Biografie über ihn geschrieben. Wenn man ein Leben so akribisch aufarbeitet, wird daraus schnell ein Forschungsgegenstand, und kenntnisreiche Routine löst anfänglichen Enthusiasmus ab. Doch spricht man mit Rainer Marwedel über den deutsch-jüdischen Kulturphilosophen Theodor Lessing (1872–1933), gerät er immer noch ins Schwärmen: „Lessing hat mich nie gelangweilt – auch nicht beim dritten Lesen eines Textes“, sagt der Germanist.

Lessing ist wohl eine der schillerndsten Figuren der hannoverschen Stadtgeschichte: Als (nicht verbeamteter) Professor an der Hochschule verdiente er seinen Lebensunterhalt auch mit dem Verfassen von Essays und Feuilletons. Als Stilist von hohen Gnaden und unkonventioneller Denker berichtete er beispielsweise vom Prozess gegen den Serienmörder Fritz Haarmann oder kritisierte den Präsidentschaftskandidaten Paul von Hindenburg. Als darauf eine nationalistische Hetzkampagne gegen ihn entbrannte, wurde er geschasst und verlor am Ende seinen Lehrauftrag. Im Exil wurde er 1933 von Nazis ermordet.

Am Deutschen Seminar der hannoverschen Leibniz Universität arbeitet Marwedel jetzt an einer Lessing-Werkausgabe. Das Land unterstützt diese neu geschaffene Lessing-Arbeitsstelle zwei ­Jahre lang aus Mitteln des Forschungsprogramms „Pro Niedersachsen“ mit insgesamt 160 000 Euro. Geplant sind Symposien und Workshops zu Lessing – und eben das monumentale, auf zehn Bände angelegte Editionsprojekt.

Allein der erste, bereits vor vier Jahren von Marwedel herausgegebene Band „Nachtkritiken“ (Wallstein, 49 Euro) umfasst 629 Seiten. Er enthält vor allem Theaterkritiken, die Lessing um 1906 in Göttingen verfasste. Doch in den amüsanten, teils satirischen Texten geht es nicht nur um längst vergessene Inszenierungen, sondern auch um allgemeine Betrachtungen zu Schiller, Shakespeare oder Sherlock Holmes – und immer wieder schmuggelte Lessing seine Thesen zu Ästhetik oder Psychologie in die Kritiken ein.

„Damals war es für Akademiker fast rufschädigend, für die Presse zu schreiben“, sagt Marwedel. „Da war Lessing ein Pionier.“ Derzeit arbeitet der Germanist an den nächsten zwei Teilbänden, die sich mit Lessing als „Antirüpel“ beschäftigen: Unter diesem Namen erschien das Mitteilungsblatt des ersten deutschen Antilärmvereins, den Lessing 1908 in Hannover gründete. Die Organisation rief „zum Kampf gegen Lärm, Rohheit und Unkultur“ auf. Ein so vielseitig interessierter Geist wie Lessing beleuchtete das Thema Krach selbstredend von verschiedenen Seiten: „Es ging ihm auch um Wahrnehmungspsychologie oder juristische Fragen“, sagt Marwedel. Lessing hat eben mehr zu bieten als nur Haarmann, Hindenburg und Hitler.

„Erst allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass auch solche Feuilletons Gegenstand der Literaturwissenschaft sein können“, sagt Prof. Alexander Kosenina, der Leiter des Lessing-Projekts. Dass die Schriften des 1933 erschossenen Gelehrten jetzt ausgerechnet an der Leibniz Universität ediert werden, ist für ihn auch eine Art späte Wiedergutmachung: „Schließlich hat sich die Hochschule im Fall Lessing nicht mit Ruhm bekleckert.“

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