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Kultur Moog legt Synthesizer von 1973 neu auf
Nachrichten Kultur Moog legt Synthesizer von 1973 neu auf
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00:26 12.02.2015
Von Volker Wiedersheim
Der Synthesizer Moog System 55 ist wieder da. Quelle: Moogmusic
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Anaheim

Swiiiiiüüüüüsch. Toll. Ein Bücherschrank, der Töne macht. Oder? Nein, kein Möbel, sondern ein Instrument. Ist ja auch keine Möbelmesse, sondern die NAMM. Die wichtigste Messe für Popmusiker, Produzenten und Toningenieure. Und da, in Anaheim/California, nicht weit von Los Angeles, wurde jetzt gerade dieser Dinosaurier von einem Synthesizer präsentiert, ein Moog System 55. Erfunden 1964 von Ingenieur Robert Moog. Ausgestorben Mitte der Siebziger. Wie die Saurier: Zu groß für diese Welt. Aber jetzt – Jurassic Pop – ist er wieder da. Bei einer ganz bestimmten Klientel, verteilt rund um den Globus, hat diese Neuigkeit einen Zustand grotesker Verzückung hervorgerufen: Progrock-Veteranen wie Keith Emerson, Pink-Floydisten, Nur-weiße-Tasten-Schwurbler wie Jean Michel Jarre, tageslichtscheue House- und Dubstep-Halbstarke, die am Laptop Beats bauen und große Träume träumen.

Wroooouuuummmmm. Dieser Sound! Zeitsprung: 1974. Kraftwerk-Vordenker Ralf Hütter wirft den Krautrock auf den Kompost und Gitarrist Klaus Roeder aus der Band. Den Job übernimmt ein Moog-Synthesizer. Natürlich aus dem Hause Moog. Kraftwerk singt „Wir fahrn, fahrn, fahrn auf der Autobahn“, und der Moog macht wrooouuuuuuummm. Ein Hit. Hütter sagt, sein erster Moog habe ihn so viel gekostet wie ein Volkswagen. Damals. Heute ist das nicht anders. Das System 55, die Schrankwand von der NAMM, kostet 35 000 Dollar. Das ist ein Golf. Hütter hat das Privileg, sich das leisten zu können. Er müsste sich aber sputen. Moog baut nur 55 Stück, dazu noch einmal zusammen knapp 200 der etwas kleineren Variante System 35 (23.000 Dollar) und vom Model 15 (10.000 Dollar). Die Hälfte sei weg, heißt es. Wahrscheinlich stimmt das sogar. Moog muss man Hype nicht erklären, Moog ist Hype. Seit „Autobahn“.

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Noch mal ein Sprung. Wieder im Jetzt. Und im Hier. Hannovers Musikhochschule, Erdgeschoss, letzter Raum vor der Caféteria rechts. Da steht auch so eine Schrankwand, die Töne von sich gibt. Moog. Das Original. An einigen Knöpfen kleben Warnschildchen. „Defekt“ oder „Nicht anfassen!“. In die Jahre gekommen, aber es steckt, wenn man so will, noch Leben in ihm.

Ohne Moog nichts los

 „Popcorn“ von Hot Butter war 1972 der erste Nummer-eins-Hit, der maßgeblich mit Moog-Synthesizern aufgenommen wurde. Komponist ist Ger­shon Kingsley. Es gibt unzählige Cover-Versionen.
 „Clockwork Orange“ (1972), ein epochaler Film mit einem Soundtrack, den Walter „Wendy“ Carlos, ein Assistent von Synthesizer-Erfinder Robert Moog, praktisch ausschließlich mit dessen Instrumenten entwickelte.
 „Dark Side of the Moon“ (1973), Pink-Floyd-Keyboarder Richard Wright setzt mit Moog-Synthesizern die Standards für Bombast-Rock.
 „Autobahn“ von Kraftwerk, 1974. Und danach etwa die Hälfte des gesamten Kraftwerk-Repertoires bis heute.
 „Money, Money, Money“ (1974) von ABBA. Benny Andersson sitzt auf der Bühne zwar meistens am Klavier, doch im Studio ist der Moog ständiger Begleiter, zum Beispiel im Intro von „Money ...“.
 „Stratus“ (1976) – ein Klassiker des Jazzrock von Schlagzeuger Billy Cobham und dem unlängst gestorbenen Pianisten George Duke. Die Jazzer haben anfangs mit Synthesizern etwas gefremdelt. Nachfolgend zeigen Herbie Hancock, Chick Corea und Joe Zawinul (Weather Report) weniger Berührungsängste.
 „I Feel Love“ (1977): Ein legendärer Disko-Schmachtfetzen von Donna Summer – nichts ist unmooglich.
 „Equinoxe“ (1977) von Jean Michel Jarre – ohne Moog nichts los.
 „Cars“ (1979) von Gary Numan, ein New-Wave-Klassiker.
 „Dark Knight Rises (2012) – Filmkomponist Hans Zimmer vertont den Batman-Film. Neben vielen anderen Soundeffekten liefert ein Moog System 55 das Motorengeräusch des Batmobils.

Suuuuuuuummmmm! Joachim Heintz leitet an der Hochschule das Institut Incontri für Neue Musik, zwölf Studenten, und das elektronische Studio. Er nennt die tönende Schrankwand mit sanftem Spott „das Erbstück“. Er hat die alte Rechnung herausgesucht: gekauft 1973, 60 000 Mark. Ist es vorstellbar, dass die Musikhochschule heute noch einmal so einen Moog kaufen würde, wenn sie ihn nicht schon hätte? „Eher nicht“, sagt Heintz, „aber er war damals sein Geld wert. Ein guter Konzertflügel kostet ja genausoviel.“ Klarer Fall, Heintz kennt sich aus, gehört aber nicht zu den Moog-Verrückten und -Verzückten. „Wir sind ein kleines Institut und haben nicht so viel Geld zur Verfügung. Auf unserer Liste stehen andere Sachen weiter oben“, sagt der Dozent, „zum Beispiel mobile Arbeitsplätze“. Gemeint sind Laptops mit Musik-Software. Die wiegen und kosten nur ein Hundertstel vom Moog.

Musik aus dem Mikroprozessor gibt’s in Anaheim auf der NAMM auch. Spektakulär wie der Moog, aber anders. Spottbillig, fließbandgefertigt in China. Futuristisch, mit vielen blinkenden Lämpchen, digital, total integriert, automatisiert, miniaturisiert, mobil, rasend schnell. Ein Knopfdruck, und schon ist Disco. Die Botschaft lautet, dass jeder einen Hit machen kann. Four to the Floor. Itz-itz-itz-itz. Das ist der eine NAMM-Trend, das System 55 steht für den anderen.

Swuuuoooosh. Zurück in der Musikhochschule. Der Moog ist anders. Nicht digital, nicht integriert, auf Knopfdruck geht da gar nichts. Wer einen Sound einstellen will, braucht Kenntnis und jede Menge Kabel. Die verbinden Module. Oszillatoren mit Verstärkern, mit Filtern, mit Sequenzern, mit Ringmodulatoren, mit Zufallsgeneratoren und wieder mit Oszillatoren und so weiter. Das muss man nicht auf Anhieb verstehen, das kann man aber einfach mal so wirken lassen. Zehn Minuten fürs Einstellen eines Grundklangs. Stunden, wenn es was Besonderes sein soll. Es gibt an den Modulen fast 300 Buchsen, um Steuersignale mit Kabeln abzugreifen oder einzuspeisen. 189 Schalter und Drehregler legen fest, was wo wie stark moduliert. Meisterschaft bedarf gleichermaßen Genie und Geduld. Aber dann ist es möglich, Popmusikgeschichte zu schreiben. Passagen wie den Bass-Lauf von Michael JacksonsBilly Jean“. Ein Meilenstein. Ein Moog.

Moog hat die Popmusik inspiriert

Herr Helsberg, in der Welt der Synthesizer ist der Moog Kult, ein Mythos. Würden Sie sagen, das System 55 in der Musikhochschule etwas hat wie eine edle Geige oder ein Steinway-Flügel, einen eigenen Charakter, eine Seele?
Er klingt wärmer als elektronische Musik aus dem Computer. Seine Schaltkreise haben hörbare Spannungsschwankungen, manchmal sackt der Ton ab. Das ist unvorhersehbar. Insofern ist er eine launische Kiste.
Kann der Moog etwas, was ein Smartphone nicht auch längst kann?
Die Frage ist doch: Womit möchte ich arbeiten? Es ist wie beim Schreiben mit dem Computer oder einem Füller. Am Ende kommt immer Text dabei heraus, aber es ist nicht die gleiche Geschichte.
Worin genau besteht dabei die Besonderheit?
Er gebietet Ehrfurcht. Als das Ding gebaut wurde, war ich noch nicht geboren. Es ist kein Massenprodukt. Das klingt bei meiner Arbeit durch. Manche sagen, das modulare System von Moog ist der Urknall für alle heutigen elektronisch geprägten Popmusikstile. Das ist eine gewagte These. Aber sicher hat er die Popmusik stark inspiriert. Er ist immer schon ein Instrument für ganz viele, die neue Sachen ausprobieren wollen. Es ist schon toll und keine Selbstverständlichkeit, ihn hier benutzen zu können.
Wofür verwenden Sie das Instrument konkret?
Ich bereite gerade das Abschlusskonzert für meinen Bachelor vor, eine Klanginstallation im Sprengel-Museum. Dabei ist auch der Moog zu hören. Ich habe Klänge von ihm aufgenommen und spiele sie im Museum vom Computer ab.
Helbergs Abschlussarbeit, eine Klanginstallation in der Reihe Porträtkonzert, ist am 10. Februar um 18.30 Uhr im Sprengel-Museum zu hören. Der Eintritt ist frei.

Swroooooophhhhhh. Braucht die Welt solche Synthesizer heute noch? Gegenfrage: Braucht die Welt Rolls Royce und Ferrari oder – besserer Vergleich: den Jaguar E-Type? Antwort nach Wunsch. Moog-Synthesizer sind gleichermaßen reif fürs Museum und für die Charts. Und fürs Feuilleton. Weil die Pioniere des Instruments nun in die Jahre kommen.

Geht es nach Moog, soll ihnen eine neue Generation folgen. Herbert Deutsch, ein Freund und Weggefährte von Erfinder Robert Moog, der schon in den Sechzigerjahren im New Yorker Museum of Modern Art Synthesizer-Konzerte gab, sagte kürzlich eine zweite Synthesizer-Dämmerung voraus. „Bei der ersten Welle war die Zeit noch nicht reif. Wir haben so viel verpasst und in der elektronischen Musik bislang höchstens an der Oberfläche des Möglichen gekratzt.“

Blip-Blop! Ob es diesmal tiefer geht? Robert Moog ist 2005 gestorben. Lebte er noch, er hätte über Deutsch wohl geschmunzelt. „Das Lustige an unseren Instrumenten ist, dass sie für die Dinge eingesetzt wurden, die wir bei der Entwicklung im Sinn hatten“, sagte Moog einmal. „Zum Glück. Denn am Anfang habe ich in der Werkstatt manchmal gedacht: Mehr als einen Ton für die Klingel an der Haustür kriegen wir nicht hin.“
Ding-dong!

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