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Kultur „Mord im Orient-Express“ – Der Zug zieht nicht mehr
Nachrichten Kultur „Mord im Orient-Express“ – Der Zug zieht nicht mehr
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18:00 07.11.2017
Der Zug bleibt im Schnee stecken: Dem Privatdetektiv Hercule Poirot (Kenneth Branagh) wird dank eines zu lösenden Mordfalles trotzdem nicht langweilig. Quelle: Foto: Fox
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Hannover

Der Mond steht voll und fahl am nachtblauen Himmel, leuchtet auf eine Lokomotive herab, die mit Volldampf durch die Felslandschaften des Balkans schnauft. Eine illustre Gesellschaft reist da im Orient-Express von Istanbul gen Westen. Ein Mord wird geschehen, ein Zug ist da ein idealer Tatort. Der Mörder braucht den Leichnam nicht zu entsorgen, er steigt einfach an der nächsten Station aus und verschwindet im Bahnhofsgetriebe, während sich das Opfer im Zug mit jeder Minute weiter von ihm entfernt.

Ein ältlicher Mann ist kein D-Zug

Mit zweierlei hat der Mörder nicht rechnen können: In der Nacht wird die Lok von einer Lawine aus der Spur geworfen. Und unter den Fahrgästen ist Hercule Poirot, der sich selbst als „der vielleicht beste Detektiv der Welt“ vorstellt. Eigentlich wollte er sich ein wenig Freizeit gönnen, dann rief ihn ein neuer Fall nach London. Und jetzt muss er auch noch den „Mord im Orient-Express“ aufklären. Ratchett, ein Kunsthändler von zweifelhaftem Ruf wurde tot in seinem Abteil gefunden, ums Leben gebracht durch zwölf Messerstiche.

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Kenneth Branagh, Shakespearianer und Literaturfan, hat sich der britischen Krimikönigin Agatha Christie zugewandt. Deren eher gediegene Kriminalromane erfuhren in den Sechziger- und Siebzigerjahren eine filmische Blüte. In Zeiten des Hochgeschwindigkeitskinos indes sind actionarme Tätersuchen per Geistesanstrengung und Geistesblitz weniger gefragt. Wobei sich zuletzt die Deduktionsabenteuer von Sir Arthur Conan Doyles „Sherlock“ mit Benedict Cumberbatch einer unverhofften Popularität erfreuten. Also wagte es Branagh und übernahm auch gleich noch die Hauptrolle, streift nun mit einem exzentrischem Kolossalschnauzbart durch die schiefe Bahn, geduldig verhörend und schlussfolgernd. Ein ältlicher Mann, der kein D-Zug ist.

Keine Spuren im Schnee

Gevatter Zufall hilft Poirot: Der Orient-Express wird auf einer schwindelerregenden Holzbrücke gestoppt, es gibt keine Spuren einer Flucht im Schnee, der Mörder muss noch an Bord sein. Ein Motiv findet sich auch bald. Der Kunsthändler war eigentlich ein Kindsmörder. Der bei Erscheinen des Romans 1934 noch ungelöste, Fall des gekidnappten Babys von Ozeanflieger Charles Lindbergh hatte Christie zu ihrem Krimi inspiriert.

Und so fallen nach und nach die Identitäten aller Fahrgäste an Bord dieses Zugs der Geheimnisse. Niemand ist, wer er zu sein scheint, Poirot deckt auf, verwirft und … verzweifelt. Jeder Täter, den er glaubt, festnageln zu können, wird umgehend von einem Mitreisenden entlastet. Bis nur noch eine unfassbare Möglichkeit offenbleibt, die – es handelt sich hier um einen der beliebtesten Krimis der Welt – leider vielen Zuschauern so vertraut sein dürfte wie das Ende von „King Kong“.

Plastisch wird als Figur nur Poirot

So bleiben auf der Habenseite ein leiser Humor, Anflüge von Slapstick, ein Hauch von Kinetik. Und im Soll mehr redende Köpfe als in manch spröder Doku. Plastisch wird in den zwei Stunden nur Poirot, der mit seiner Arbeit zu einem harmonischen Weltgefüge beitragen will. „Unperfektheit steht aus der Welt heraus wie die Nase inmitten des Gesichts“, sagt der blasierte Held sein Credo auf und spricht zur Not schon mal mit sich selbst oder dem Foto seiner Frau.

Während das viel zu große Starensemble mit Penélope Cruz, Michelle Pfeiffer, Judi Dench, Johnny Depp und anderen unterbeschäftigt in sehenswerten Kostümen steckt. Namhafte Stichwortgeber, die erst schweigen, als der Express wieder anrollt. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Dieser Zug zieht nicht mehr.

Von Matthias Halbig / RND

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