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Kultur Morgenland-Festival in Osnabrück eröffnet
Nachrichten Kultur Morgenland-Festival in Osnabrück eröffnet
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00:21 19.06.2018
Das Ensemble Khazar beim Eröffnungskonzert des Morgenland-Festivals in Osnabrück.
Das Ensemble Khazar beim Eröffnungskonzert des Morgenland-Festivals in Osnabrück. Quelle: Andy Spyra
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Osnabrück

Auf dem Notenpult liegt ein einziges Blatt, auf dem höchstens eine Melodie und ein paar Harmonien notiert sein können. Ein Bruchteil also nur von der ausschweifenden musikalischen Erzählung, in der die beiden chinesischen Musiker im Eröffnungskonzert des Morgenland-Festivals in Osnabrück schwelgen: Wu Man spielt Pipa, die traditionelle Kurzhalslaute ihres Landes, ihr Kollege Wu Wei die Sheng, eine chinesische Variante der Mundorgel.

Tradition und Moderne: Wu Wei (links) bläst die Sheng, Wu Man spielt Pipa. Quelle: Andy Spyra

Die Besetzung erscheint zunächst auf exotische Weise rustikal, doch beide Instrumentalisten sind über jeden Folkloreverdacht erhaben: Wu Man gehört zum Ensemble des legendären amerikanischen Cellisten Yo-Yo Ma und war als Solistin bei den Orchestern in New York und Chicago zu hören, Wu Wei hat sein erstaunliches Instrument, das eine mehr als 4000-jährige Geschichte hat, schon im Ensemble Modern und bei den Berliner Philharmonikern geblasen.

In Osnabrück treffen die beiden chinesischen Ausnahmemusiker zum ersten Mal zusammen – und führen dabei eindrucksvoll vor, wie musikalische Kommunikation funktioniert. Es ist eine Freude, die beiden zu beobachten, wie sie mit Blicken und der Atmung, mit Körper- und Handbewegungen spontan einen gemeinsamen Weg finden, um aus den dürren Stichwörtern, die in den Noten stehen, eine üppige Geschichte zu machen. Musikalische Grenzen, die man ihren traditionellen Instrumenten (zu) leicht zuschreibt, spielen dabei keine Rolle: Uralte chinesische Melodien mischen sich mit vielfältigen Anklängen an Jazz, Neuer Musik und sogar Rock.

Die minimalistische Besetzung zu Beginn zeigt in diesem Jahr in höchster Konzentration, was das Morgenland-Festival seit Langem im Kern ausmacht: Es geht um die Begegnung von Musikern miteinander und mit einem Publikum, das nie recht weiß, was es erwartet. Festival-Leiter Michael Dreyer glaubt, man könne mithilfe von Musik unmittelbar etwas über die Menschen erfahren, die sie hervorbringen. Wenn man den beiden Chinesen in der ausverkauften Marienkirche zuhört, ahnt man, dass er recht hat.

Vor allem dieser Kennenlern-Gedanke treibt Dreyer seit der Gründung des Festivals vor 15 Jahren an. An rein exotischer Weltmusik hat er kein Interesse. So wollte er sich nicht damit zufriedengeben, dass ein Land wie der Iran plötzlich mit all seinen Einwohnern plötzlich zu einer „Achse des Bösen“ gehören sollte – und organisierte das viel beachtete erste westliche Gastspiels eines Orchesters aus Teheran in Osnabrück und umgekehrt sogar eine Reise des Osnabrücker Sinfonieorchesters in den Iran. Er veranstaltete Konzerte in der im irakischen Kurdengebiet gelegenen Stadt Erbil und brachte die daran beteiligten Musiker aus allen Teilen der arabischen Welt, aus Israel und dem Westen nach Osnabrück. Die Erfahrungen mit dem Morgenland-Festival hat zwischen vielen Menschen Vertrauen geschaffen, die eigentlich gelernt haben, einander zu misstrauen.

Syrische Künstler spielen dabei seit Langem eine wichtige Rolle: Der Krieg in dem Land begleitet die Arbeit des Festivals als düsterer Kontrapunkt. Er macht den Akteuren oft persönlich sehr zu schaffen – und zeigt zugleich immer deutlicher, wie wichtig die positiven Begegnungen mit Fremden oder sogar vermeintlichen Feinden sind, die das Festival auf vielen Ebenen ermöglicht.

In diesem Jahr nun hebt man in Osnabrück den Blick über die arabische Welt hinaus und schaut weiter gen Osten: Das zentralasiatische Kasachstan steht im Mittelpunkt der Konzerte. Bei der Eröffnung ist daher auch das junge Ensemble Khazar zu hören, das die traditionelle Musik des Landes, die während der Sowjetzeit intensiv gepflegt und dort bis heute populär ist, mit modernen Klängen zu etwas Neuem verbindet.

Das Ensemble Khazar beim Eröffnungskonzert des Morgenland-Festivals in Osnabrück. Quelle: Andy Spyra

Mit dem genaueren Blick auf das zwischen Russland und China gelegene Kasachstan will Dreyer die Aufmerksamkeit auch auf den Ausbau der „neuen Seidenstraße“ lenken. Das beispiellose Infrastrukturprojekt, mit dem sich China gerade unter Hochdruck wirtschaftliche Schnellstraßen in den Westen bahnt, wird von vielen mit Argwohn beobachtet. Dreyer hält diese Bedenken für richtig – und es darum für wichtig, sich mit den Menschen bekannt zu machen.

Bei der Eröffnung des 14. Morgenland-Festivals kann man zumindest erleben, dass ihre Musik sympathisch und ihre Fähigkeit zur Kommunikation groß ist. In der alten Friedensstadt Osnabrück lässt sich so auch bei düsteren Perspektiven neue Hoffnung schöpfen.

Das Morgenland-Festival dauert noch bis zum 24. Juni. Zum Programm gehören auch Filme und Ausstellungen.

Von Stefan Arndt

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