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Kultur Moritz Rinke startet neuen HAZ-Fortsetzungsroman
Nachrichten Kultur Moritz Rinke startet neuen HAZ-Fortsetzungsroman
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23:03 17.02.2010
Mortiz Rinke Quelle: Lars Fischer
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Herr Rinke, Sie haben ausgezeichnete Reportagen geschrieben, Kolumnen, einige Theaterstücke, darunter die Neufassung der Nibelungen, die bei den Festspielen in Worms aufgeführt wurde. Jetzt erscheint ihr erster Roman, ein bisschen spät eigentlich.
Spät? Mit Verlaub, da bin ich ganz der klassischen Auffassung, dass es für das Schreiben eines Romans nicht schlecht ist, schon ein bisschen länger gelebt zu haben. Außerdem bin ich gerade mal um die 40. Und wenn ich meine Ansprüche an einen Roman zugrunde lege, dann brauchte ich auch diese Zeit.

Andere sehen das anders. Die schreiben mit 17 ihren ersten Roman.
Wenn heute Roman auf einem Cover steht, dann heißt das noch lange nicht, dass es auch ein Roman ist. Da sind die Verlage leider furchtbar undifferenziert. Und die Kritiker wohl auch.

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Haben Sie lange gezögert, bevor Sie Ihren ersten Roman in Angriff nahmen?
Nein, im Gegenteil. Ich habe mich sehr auf die Prosa gefreut. Außerdem hatte ich nach zehn Jahren Theater Lust, mal etwas anderes zu machen. Ich wollte eine Form wählen, bei der ich das Schreiben nicht immer anderen übereigne, die etwas anderes daraus machen. Das derzeitige Theater lässt oft nicht so viel vom Autor übrig.

Das kritisieren Sie ja schon seit Langem am Theaterbetrieb.
Ja. Ich glaube, dass sich das Theater durch die Dekonstruktion und die Aufhebung der Figuren in eine Richtung bewegt hat, die die Vorarbeit des Autors weitgehend überflüssig gemacht hat.

Das müssen Sie gerade sagen, Sie haben in Gießen Theaterwissenschaft studiert, in der Hochburg des postdramatischen Theaters.
Um Antipode zu werden, muss man den Gegner genau studieren! Im Übrigen hat das Theater längst bemerkt, dass die postdramatische Position nicht zu halten ist. Die rudern längst zurück. Man reicht dem Autor wieder die Hand.

Gehen Sie denn noch oft ins Theater?
In letzter Zeit nicht mehr so viel. Offen gestanden finde ich den Betrieb auch etwas ermüdend.

Aber Anfang März werden Sie im Deutschen Theater Berlin sein, da werden Ulrich Matthes und Alexander Khuon aus Ihrem neuen Roman lesen. Das klingt, als sei auch ein Hörbuch in Arbeit.
Ja, das ist sogar schon fertig. Und vom 22. Februar an wird es auch im NDR zu hören sein. Es liest Stefan Kaminski.

Sie sind in Worpswede aufgewachsen, Worpswede ist Ort und Thema Ihres Romans, und Sie schreiben oft über den ganz besonders weiten und dramatischen Worpsweder Himmel. Haben Sie den selbst so erlebt, oder sehen Sie den so, weil alle sagen, dass das ein besonderer Himmel ist?
Der Worpsweder Himmel ist in der Tat ganz besonders. Wie jedes ordentliche Worpsweder Kind habe ich die Malschule besucht. Da mussten wir auch den Himmel malen, was ich immer als besonders nervig empfand.

Von einer Malschule ist auch in Ihrem Roman die Rede. Der Künstler Ohlrogge, der eine ganz besondere Beziehung zu Paul, dem Helden des Romans, hat, unterrichtet lustlos Hobbymaler. Wie viel Autobiografisches steckt in dem Buch?
Das beschränkt sich eigentlich auf die Beschreibung des Ortes und der Landschaft. Wenn die Figuren und die Geschichte autobiografisch wären, dann würde ja meine halbe Familie im Gefängnis sitzen.

Der Ort ist Ihnen wichtig. Man kann sagen, Sie haben einen großen Worpswede-Roman geschrieben.
Mich wundert es sehr, dass es nicht schon längst eine Reihe von Worpswede-­Romanen gibt. Denn dieser Ort eignet sich wunderbar, wenn man das 20. Jahrhundert erzählen will. Ich kann mir keinen Ort vorstellen, an dem man eine Figur besser durch ein Jahrhundert fallen lassen könnte. Hier gab es die Künstlerkolonie und die Reformbewegung, die Vereinnahmung der Kunst durch die Nazis, und auch die Achtundsechziger waren hier sehr stark.

Haben Sie viel in Worpswede recherchiert?
Kaum. Ich habe ja keinen historischen Roman geschrieben, in dem ich erzähle, wie das in Worpswede so alles war, sondern eine Fiktion. Es ist eine Geschichte über eine Familie, deren Geheimnisse, über Schuld, Verführung, Liebe, Ruhm. Worpswede bildet nur den Hintergrund.

Der ganze Roman ist ziemlich irrwitzig. Einige Handlungsfäden werden am Ende nicht so zusammengeknüpft, wie man das vielleicht erwarten dürfte. Warum ist das so?
Ich glaube, dass man Geschichten heute nicht auserzählen sollte. Das hat weniger mit der These zu tun, dass Menschen heute ihre eigene Geschichte nicht mehr lenken können, sondern vielmehr mit einem, oder sagen wir ruhig mit meinem poetologischen Prinzip. Ich wünsche mir ganz einfach, dass Geschichten vom Leser weitererzählt werden. Ich erzähle ja nicht nur vom Grundbruch eines Hauses, das im Moor versinkt, sondern auch vom Grundbruch eines Ortes, von Menschen und vielleicht von einem ganzen Land. Am Ende ist Paul ein ganz anderer. Durch die ganze Zerstörung wird er nun vielleicht endlich einen eigenen Weg gehen können, auf festem Untergrund.

Am 22. Februar endet die Sperrfrist, dann werden die ersten Kritiken erscheinen. Haben Sie Angst?
Nein, überhaupt nicht. Ich muss ja vor mir bestehen – und so glücklich wie jetzt war ich mit einem Text von mir noch nie. Ich lebe in Deutschland, da weiß ich doch, dass die Kritik und das Publikum zwei verschiedene Dinge sind. Außerdem gibt es ja noch offenherzige und des Lachens und Weinens fähige Kritiker. Im Moment freue ich mich jedenfalls sehr, dass das Buch bisher so überwältigend vom Buchhandel angenommen wurde.

Sie spielen in der deutschen Autoren-Fußballnationalmannschaft. Wann ist das nächste Spiel? Und wann ist wieder Training?
Wir bereiten uns gerade auf die Autorenweltmeisterschaft vor, die vom 28. April bis zum 2. Mai in Unna stattfinden wird. Acht internationale Teams sind dabei, und wir wollen zusammen mit unserem Trainer Jörg Berger den Titel erringen.

Interview: Ronald Meyer-Arlt