Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur „Moschee DE": Der Imam singt
Nachrichten Kultur „Moschee DE": Der Imam singt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:24 28.02.2010
Von Ronald Meyer-Arlt
Die Schauspieler Wiebke Frost, Sandro Tajouri, Aljoscha Stadelmann und Mathias Max Herrmann (von links). Quelle: Ribbe/Schauspiel Hannover
Anzeige

Zwar geht es im Schauspiel oft um Gott und die Welt, aber Zeichen aktiver Religionsausübung sind im Zuschauerraum doch eher selten. Kopftuchträgerinnen jedenfalls sieht man bei Premieren so gut wie nie. Ein Zustand, der sich ändern sollte, schließlich wird die weltliche Kunst Theater ja auch von den in Deutschland lebenden Muslimen mitfinanziert.

Bei der jüngsten Premiere war aber doch eine Kopftuchträgerin im Publikum auszumachen, eine nur, aber immerhin. Und das Fernsehen war auch da. Nicht wegen der Kopftuchträgerin im Publikum – so besonders ist ihre Anwesenheit dann doch nicht – , sondern wegen des Themas.

Anzeige

Gespielt wurde „Moschee DE“, ein Stück über den Streit anlässlich eines Moscheeneubaus in Berlin Pankow, Ortsteil Heinersdorf. Aber was heißt schon gespielt? Ein Spiel war es eigentlich nicht. Zwar gab es einen Konflikt, aber keinen dramatischen, zwar wurde viel geredet, aber nicht miteinander.

Regisseur Robert Thalheim und Autor Kolja Mensing präsentieren die „szenische Rekonstruktion“ eines wirklichen Vorgangs. Sie haben mit den Beteiligten des Moscheebaus Interviews geführt, Zitate aus diesen Gesprächen werden auf der Bühne von Schauspielern wiedergegeben. Es treten auf: der Vorsitzende der Bürgerinitiative gegen den Moscheebau, eine Zugezogene, die sich für eine weltoffene Stadt einsetzt und eine Bürgerinitiative gegen die Bürgerinitiative gegründet hat, ein Pastor, ein Konvertit, der Imam. Spielort ist eine Turnhalle: Ein Basketballkorb hängt an der Wand, Matten, Bälle, lange Bänke und Streifen auf dem Kunststoffboden, die im Sport ja stets der Abgrenzung dienen, sind zu sehen. Sehr hübsch auf der von Michal Galinski gestalteten Bühne ist die beleuchtete Anzeigetafel an einer Wand, „Heim“ – „Gast“ steht da drauf, aber ein Punktestand wird am Ende nicht angezeigt.

In einer Turnhalle fand auch die Bürgerversammlung in Heinersdorf statt, bei der es zu Ausschreitungen gegen die anwesenden Muslime kam; ein Fernsehbericht über diesen Vorfall hatte den Regisseur Robert Thalheim (der mit dem Kinofilm „Am Ende kommen Touristen“ bekannt geworden ist) zu dem Theaterstück angeregt. Zwischen Mattenwagen und Sprungkasten bilden sich kleine Debattiergrüppchen, mal geht einer nach vorn und monologisiert. Zwischendurch greift der Imam zur Gitarre und singt Lieder von Cat Stevens, der sich schon seit langem Yusuf Islam nennt und seit kurzem wieder Musik macht.

Ist das alles nicht ein wenig zu einfach? Kann das Theater mit ein paar Zitaten von Betroffenen der hochkomplexen Frage, wie sich der Islam mit der deutschen Gesellschaft verträgt, gerecht werden? Kann man mit Textbausteinen ein Stück bauen? Müsste die antiaufklärerische Seite des Islam nicht viel schärfer kritisiert werden? Ist Cat Stevens nicht peinlich? Hätte man nicht vielleicht doch besser Lessings „Nathan der Weise“ spielen sollen?

Das Stück, das kein Kunststück ist, sondern ein Stück Lebenswirklichkeit, wirft mehr Fragen auf, als es Antworten bietet – aber das ist in der Kunst ja nie von Nachteil. Das fortwährende Aneinandervorbeireden der Akteure kommt einem – weil es eben der Interviewtechnik geschuldet – erst wie ein Mangel vor, es zeigt aber auch ganz anschaulich, wie es um das Zusammenleben der unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen und Kulturen in Deutschland bestellt ist. Es ist eben nicht einfach, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Die Zuschauer lernen Einzelschicksale kennen: Menschen ohne Namen, aber mit Meinungen, gespielt von Schauspielern (Rainer Frank, Wiebke Frost, Mathias Max Hermann, Aljoscha Stadelmann, Sandro Tajouri), die gelegentlich richtig Gas geben und die Figuren dann auch schon mal zu Karikaturen werden lassen.
Aber das passiert im wirklichen Leben ja manchmal auch.

Weitere Aufführungen: 2., 11., 27. und 30. März

Karten unter (0511) 99991111

Karl-Ludwig Baader 26.02.2010