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Kultur Bye, bye, Banjo
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07:42 06.05.2015
Von Uwe Janssen
Mumford & Sons haben in ihrem neuen Album das Banjo an den Nagel gehängt Quelle: Archiv
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Auf den ersten Blick passt das prima: Mumford & Sons, die Band mit Banjo, die den Sixties-Folk ins Heute transportierte, spielt ein Konzert, und kein Handy ist zu sehen. Alles analoge Folkfans, mag man denken, die in ein Konzert gehen, um es live mit eigenen Augen zu erleben und nicht durch das Display ihres Smartphones.

Stimmt vielleicht auch ein bisschen, aber das war nicht der wahre Grund für die Dunkelheit im Zuschauersaal kürzlich in London. Der wahre Grund war ein ganz kommerzieller: Die Besucher mussten ihre Aufzeichnungsgeräte am Eingang abgeben, weil die Band ihr neues Album live spielte und die Songs nicht vor Veröffentlichung von „Wilder Mind“ in den sozialen Netzwerken wiederfinden wollte. Das wirkt rabiat, aber verständlich, und außerdem macht es der alte Folkrecke Bob Dylan in seinen Konzerten auch so, jedenfalls mit Fotokameras.

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Man kann es ja ein bisschen freundlicher formulieren: Vielleicht wollte die britische Band ihren Fans einfach die Überraschung nicht nehmen. Denn das Banjo ist weg, und das hatte sich auf den beiden bisherigen Alben „Sigh No More“ und „Babel“ neben dem Gesang von Marcus Mumford als klangliches Markenzeichen etabliert. Das Banjo, ein Instrument, das sowohl für Tradition als auch für Fröhlichkeit steht und auch schwereren Liedern eine gewisse Leichtigkeit verleiht.

So haben Mumford & Sons es bislang gemacht und damit weltumspannend Wohlfühlatmospähre verbreitet. Vor allem live fanden sich die vier Musiker mit ihrer Kneipeneckenmusik plötzlich in Riesenhallen wieder, weil alle es sehen, hören und sich wohlfühlen wollten.

Aber für Marcus Mumford scheint das alles nur ein Entwicklungsschritt gewesen zu sein. Weg mit dem Banjo und der ganzen Stehbassnostalgie, dafür Stromgitarren eingestöpselt und Verstärker lauter. Die großen Bühnen scheinen ihn auf den Geschmack gebracht zu haben, auch den Bandsound anzupassen. Stadionrock, das böse Wort!

Synonym für den Ausverkauf der Ideale zugunsten der großen Kohle. Dagegen, den nächsten Schritt zu machen statt künstlerisch zu stagnieren, ist wahrlich nichts einzuwenden. Aber wer aus der Folkecke zum Stadionrock wechselt, muss gute Argumente haben.

Es ist nicht mehr ganz so schlimm wie damals, als Dylan sein Griff zur E-Gitarre als Hochverrat an der Folkmusik ausgelegt wurde. Heutzutage kommt in solchen Fällen üblicherweise der Coldplay-Vergleich. Und der ist in diesem Fall nicht mal ganz falsch.

Denn hymnisch waren die Songs auch kleinen Format schon, nun ist der Sound weiter geworden, die E-Gitarren tragen in breiten Flächen Mumfords Gesang. „Believe“ zum Beispiel bäumt sich nach fast zartem Beginn zu einer ziemlich pathetischen Weltumarmungshymne auf. Der Geradeausrocker „The Wolf“ klingt wie ein aufgedrehtes Stück von Rea Garvey. Keine schlechten Songs, aber eben keine Mumford-Songs, an die die Band ihre Hörer zwei Alben lang gewöhnt hat. Noch ein Album mit Banjo-Folk, und man wäre wohl nie wieder von diesem Image heruntergekommen. So passiert der Stilwechsel rechtzeitig, ein paar Reibungsverluste sind nicht auszuschließen. Aber es werden auch neue Fans hinzustoßen.

Es ist ja auch nicht so, dass Marcus Mumford keine guten Lieder mehr schreiben würde. Die schimmern auch durch dickere Gitarrenwände. Songs über Liebe, Leid und passenderweise über das Loslassen. Und mit dem ebenso wunder- wie geheimnisvollen „Snake Eyes“ und dem Schlusssong „Hot Gates“ löst die Band wieder diesen Sog aus, dem man sich auf „Sigh No More“ und „Babel“ so schwer entziehen konnte. Nach zwei, drei Durchgängen einigt man sich auch als Anhänger des alten Sounds mit „Wilder Mind“. Und in zwei, drei Alben wird man sich ein bisschen nostalgisch an die folkigen Anfänge der Band erinnern.

Und an displayfreie Konzerte.

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