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Kultur Munch-Bild könnte Auktionsrekord brechen
Nachrichten Kultur Munch-Bild könnte Auktionsrekord brechen
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06:15 04.05.2012
Von Johanna Di Blasi
Foto: „Der Schrei" wird am Mittwoch in New York versteigert. Experten erwarten, dass das Gemälde für eine Rekordsumme verkauft wird.
„Der Schrei" wird am Mittwoch in New York versteigert. Experten erwarten, dass das Gemälde für eine Rekordsumme verkauft wird. Quelle: dpa
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New York

„Sensationen“, „Attraktionen“, „Rekorde“: Im modernen Auktionsgeschäft wird posaunt wie im Zirkus. Wenn am Mittwoch in New York Edvard Munchs „Schrei“ zur Versteigerung gelangt, ist das aber tatsächlich sensationell. Es ist fast so, als stünde Leonardos „Mona Lisa“ zum Verkauf. Nicht zufällig wird das Schlüsselwerk des Expressionismus auch „Mona Lisa Norwegens“ genannt.

Die Ikone aus dem späten 19. Jahrhundert – ein global verständlicher Ausdruck existenzieller Angstattacken – scheint so gar nicht auf das oberflächliche Parkett kunsthändlerischer Gewinnmaximierung zu passen. Aber vielleicht ist es gerade der Kontrast, der den „Schrei“ umso begehrenswerter macht. Etwas Ähnliches war vor zwei Jahren zu beobachten, als eine ausgedörrte Giacometti-Bronze eines schreitenden Mannes umgerechnet rund 74 Millionen Euro erbrachte.

In Sotheby’s Onlinekatalog wurde das Schätzungsfeld bei Munchs „Schrei“ leer gelassen. Der Mindestschätzwert, so viel wurde bekannt gegeben, liegt bei 80 Millionen Dollar (etwa 60 Millionen Euro). Es wäre wohl eine herbe Enttäuschung für das Auktionshaus, wenn „Der Schrei“ nicht für deutlich mehr als 100 Millionen unter den Hammer käme. Auch ein neuer Weltrekord wäre möglich.

Das bislang teuerste auf einer Auktion versteigerte Kunstwerk war mit 106,5 Millionen Dollar Picassos „Akt mit grünen Blättern und Büste“. Zwar wurden für ein Bild des amerikanischen Künstlers Jackson Pollock angeblich sogar 140 Millionen Dollar gezahlt, doch dabei handelte es sich um ein Privatgeschäft.

Das jetzt zur Versteigerung anstehende Munch-Gemälde ist eines von vier Versionen des „Schreis“. Drei befinden sich in norwegischem Staatsbesitz, das vierte hängt seit 70 Jahren in der Privatsammlung der norwegischen Reederei-Familie Olsen. Der Vater des jetzigen Firmeninhabers war ein Nachbar, Freund und Förderer Munchs. Sein Sohn Petter Olsen will es nun verkaufen.

Die nach Expertenmeinung bedeutendste Version des Bildes, entstanden 1893 in Tempera, ist jene in der Nationalgalerie in Norwegen. Dieser „Schrei“ wurde 1994 gestohlen. Der Dieb war beim Versuch, ins Museum zu klettern, 5,60 Meter tief von der Leiter gefallen. Er rappelte sich aber wieder auf, raubte das Kunstwerk und schrieb dem Museum ein Grußkärtchen: „Danke für die guten Sichterheitsmaßnahmen.“

Der Moment für den Einbruch war perfekt gewählt. Es war Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Lillehammer, die Augen der Polizei waren dorthin gerichtet. Heute hängt das Werk wieder in der Nationalgalerie. Auch die 2004 von vermummten Männern brutal aus dem Munch-Museum in Oslo geholte Spätfassung des „Schreis“ von 1910 ist wieder zurückgekehrt.

Das Auktionshaus erinnert in seinem Verkaufstext an die Räubergeschichten. So etwas lässt Kunstwerke noch begehrenswerter erscheinen. Als Besonderheiten der 1895 entstandenen Pastellfassung aus Privatbesitz wird hervorgehoben, dass es sich um die farbintensivste „Schrei“-Version handle, dass sie am engsten an die Urfassung von 1893 angelehnt sei und nur sie einen handgeschriebenen Kommentar des Künstlers auf dem Bilderrahmen aufweise.

Dort erklärt Munch die Situation, die ihn zu dem Motiv inspirierte: Er sei mit zwei Freunden bei Sonnenuntergang in den Hügeln über Oslo spazieren gewesen. Der Himmel habe sich blutrot gefärbt, er sei plötzlich stehen geblieben, „tödlich müde“, und habe „den großen Schrei der Natur“ gefühlt.

Mit dem Erlös für das Werk wollen die Olsens auf ihrem Anwesen Ramme Gaard im norwegischen Hvitsten rechtzeitig zum 150. Munch-Geburtstag im kommenden Jahr ein Munch-Museum mit angeschlossenem Hotel eröffnen. Die Familie besitzt mehrere Dutzend Werke des Expressionisten. Edvard Munch gehörte zu den Künstlern, die in der NS-Zeit unter Druck gerieten. Dem Vater des jetzigen Besitzers des „Schreis“, Thomas Olsen (1897–1969), war es seinerzeit gelungen, 74 Werke aus Deutschland zu holen. Eines schenkte er der Tate Britain, ein anderes der Oslo City Hall. Der Sohn sagte jetzt: „Ich habe mein ganzes Leben mit diesem Werk gelebt, und seine Kraft und Energie sind mit der Zeit nur noch stärker geworden. Jetzt jedoch schien die Zeit gekommen, dem Rest der Welt die Chance zu geben, dieses bemerkenswerte Werk zu besitzen und zu bewundern.“

Sollte das Bild heute von einem Museum ersteigert werden, könnte dieses nach Einschätzung eines Munch-Experten aus Florida, Mark Winter, jährlich rund eine Million Besucher zusätzlich anziehen und möglicherweise einen zweistelligen Millionenbetrag jährlich erwirtschaften: mit Eintrittskarten und Souvenirs wie „Schrei“-Tassen, „Schrei“-Krawatten oder „Schrei“-Aufblasfiguren. Solche Dinge gibt es schon jetzt. Dann hätte sich die Investition wahrscheinlich schnell amortisiert. (mit: dpa)

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