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Kultur Museums-Direktor Brakke: "Wir wollen in die Bundesliga"
Nachrichten Kultur Museums-Direktor Brakke: "Wir wollen in die Bundesliga"
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20:10 07.10.2009
Von Johanna Di Blasi
Jaap Brakke der neue Direktor des Landesmuseums Quelle: Nico Herzog
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Herr Brakke, Sie haben mit Blockbusterausstellungen das Drents Museum im niederländischen Assen in die erste Liga katapultiert. Wohin wollen Sie mit dem hannoverschen Landesmuseum?

In die Bundesliga! Unsere Sammlungen sind hochkarätig, zum Beispiel die archäologische Abteilung: Dort finden sich 1,3 Millionen registrierte Artefakte. Es gibt in Europa nur sehr wenige Museen, die so etwas vorzuzeigen haben wie wir hier in Hannover. Wir bilden in der Archäologie eine Zeitspanne von 400. 000 Jahren vor Christi Geburt bis ins späte Mittelalter ab. Insbesondere im Bereich Moorarchäologie hat Niedersachsen enorm viel zu bieten, jedoch verkauft man sich in Hannover und Niedersachsen sehr schlecht.

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Sie sind seit März im Amt. Haben Sie schon Gründe herausgespürt, weshalb die Hannoveraner ihr Licht unter den Scheffel stellen?

Das hat mit der Volksart zu tun, die mir nicht unbekannt ist. Ich bin zwar in Eindhoven in den Südniederlanden aufgewachsen, aber fast meine gesamte Verwandtschaft kommt aus dem Norden der Niederlande. Meine Großeltern und Eltern haben plattdütsch gesprochen. Auch ich verstehe plattdeutsch, allerdings hat man uns als Kinder verboten, es zu sprechen. Von meinen Verwandten kenne ich die zurückhaltende Art. Genau das spüre ich auch in Hannover – und deshalb fühle ich mich hier wie zu Hause.

Sie haben spürbar Schwung ins Landesmuseum gebracht, zum Beispiel im Eiltempo eine Indianerausstellung auf die Beine gestellt. Allerdings kamen nur etwa die Hälfte der von Ihnen erhofften 30 000 Besucher. Woran hat’s gehakt?

Konkurrenz. Es gab ja eine sehr schöne und gute Ausstellung beim Kollegen im Sprengel Museum: „Marc, Macke und Delaunay“. Er konnte mehr als 270. 000 Besucher für sein Ausstellungsprodukt interessieren, Chapeau! Viele kamen als Tagestouristen – und hatten nur das Sprengel Museum im Programm.

Als Nächstes zeigen Sie „That’s me! Das Porträt von der Antike bis zur Gegenwart“ aus eigenen Beständen. Wieso das Thema Porträt?

Weil das ein Schwerpunkt unserer Sammlung ist. Wir wollen die Entwicklung der Porträtkunst zeigen und neben Menschenbildern auch Tierporträts integrieren. Ungefähr 60 Prozent der Werke kommen aus dem Depot. Sie wurden in den zurückliegenden Jahren nie gezeigt, sind aber toll. Für Deutschland wie auch für andere Länder galt in den vergangenen Jahren: Man setzte auf Block­busterschauen, das heißt, man holte hektarweise Courbets, Monets, die alten Schlachtrösser rein. Und so kam es, dass die eigenen Bestände etwas aus dem Blickfeld gerieten. Ausstellungen vorzubereiten ist arbeitsintensiv.

Während früher drei Kunsthistoriker für die Landesgalerie zuständig waren, müssen Sie derzeit mit nur einem auskommen. Wann wird denn die Stelle des Oberkustos der Landesgalerie endlich nachbesetzt?

Wir wissen es nicht. Es gibt in Niedersachsen momentan einen kompletten Personalstopp. Für uns bedeutet das: Die Erforschung unserer Bestände liegt lahm. Ihr Jahresetat von fünf Millionen Euro deckt gerade mal den laufenden Betrieb. Ja, für Ausstellungsprogramme gibt es kein festes Budget. Wir müssen die Ausstellungen über Bordmittel, Sponsoring oder Stiftungen finanzieren.

Welche Ausstellungen planen Sie?

Ich verhandle gerade mit ein paar kanadischen Museen über eine Ausstellung, die sich mit der sogenannten „Group of Seven“ auseinandersetzt, das sind die kanadischen Impressionisten. 2014 möchte ich eine Schau mit Bildern zum Ersten Weltkrieg zeigen, also mit „Embedded Artists“. Und mit dem Canadian Museum of Civilisation, dem größten Museum Kanadas, von wo die Indianerausstellung kam, plane ich eine umfangreiche Mittelalterschau. Es gibt allerdings ein großes Problem. Die Leihgeber fordern zwingend klimatisierte Räume.

Und Sie haben keine Klimaanlage?

Nein, auch in diesem Sommer ist die Temperatur in der Landesgalerie wieder auf bis zu 28 Grad Celsius angestiegen – konservatorisch ist das eigentlich nicht vertretbar. Minister Lutz Stratmann hat bei meiner Einführung ausdrücklich betont, dass er neben einer Neuordnung der Schausammlung auch Sonderausstellungen sehen möchte. Um Impressionisten zu zeigen, brauchen wir eine Klimaanlage.

Wie viel würde diese kosten?

Etwa 900 000 Euro.

Immerhin haben Sie nun Platz für Sonderausstellungen.

Wir haben den Archäologiebereich von 850 auf 500 Quadratmeter komprimiert, ohne viel herausnehmen zu müssen. So ist eine Sonderausstellungsfläche von 850 Quadratmetern entstanden. Damit lässt sich arbeiten. Um lebendig zu bleiben, muss eine Museumssammlung wachsen.

Wo wünschen Sie sich Erweiterung?

Ein Schwerpunkt in der Landesgalerie sind unsere Impressionisten. Was wir zu bieten haben, aus eigenen und städtischen Beständen, ist schon sehr gut, zum Beispiel an Werken von Max Liebermann. In den Sommermonaten war der Maler regelmäßig bei seinem niederländischen Künstlerfreund Joseph Israels zu Gast. Die beiden malten gemeinsam Strandszenen. Ein paar Werke von Israels würden eine sinnvolle Ergänzung unseres Bestands darstellen. Oder bei den Dänen: Da haben wir wunderbare Landschaften. Ich wünsche mir ein paar dänische Stadtbilder – und aus dem 17. Jahrhundert ein oder zwei schöne Stillleben. Ich sehe mich gerade auf dem Markt um, kann aber noch nichts sagen. Eine brütende Henne soll man nicht stören.

Sie verwalten vier Sparten – 
Landesgalerie, Archäologie, Naturkunde, Völkerkunde. Möchten Sie die starren Spartengrenzen aufweichen? Was halten Sie vom Wunderkammerprinzip?

Wunderkammern sind toll. Im 17. und 18. Jahrhundert sind die Schätze aus Natur und Kunst gemeinsam präsentiert worden, erst im 19. Jahrhundert kam die Trennung. Gemeinsam mit unseren Kuratoren erarbeiten wir gerade ein neues Konzept für die vier Sparten des Museums. Kommenden Sommer wollen wir es dem Ministerium präsentieren. Ich habe nichts dagegen, auch mal Dinge aus der Naturkunde in der Landesgalerie zu zeigen. Immer nur Gemälde, Gemälde, Gemälde, Text, Text, Text ist für die Besucher ermüdend, ist bleischwer. Wir wollen mehr Abwechslung in die Schausammlung bringen.

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