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Kultur Museumsbesucher mögen es grün
Nachrichten Kultur Museumsbesucher mögen es grün
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07:34 28.03.2012
Von Johanna Di Blasi
Foto: Grüne Museumswände kommen laut einer Studie bei den Besuchern besser an.
Grüne Museumswände kommen laut einer Studie bei den Besuchern besser an. Quelle: HAZ
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Hannover

„Zappen ist erlaubt!“, schreibt der Museumsmann Andreas Blühm in seinem alternativen Kunst-Guide „Fit fürs Museum". Der Leiter des Kölner Wallraf-Richartz-Museums kennt die nüchterne Realität. Laut Studien verbringen durchschnittliche Besucher nur wenige Sekunden vor einzelnen Kunstwerken, manchmal sogar nur Zehntelsekunden. Sammlungsräume werden meist im schnellen Trab durchmessen. Muße und Beschaulichkeit scheinen sich häufig erst bei Kuchen und Tee im Museums-café einzustellen.

In Hannover wollte man es genau wissen. Die hiesige Fachhochschule führte mit Unterstützung des Wiener Marktforschungsinstituts Kondeor einen Feldversuch durch. Als Aufsichtspersonal getarnte Forscher beobachteten neun Wochen lang Besucher im ständigen Sammlungsbereich des Sprengel Museums Hannover. Sie observierten das Besucherverhalten in einem Raum mit Konzeptkunst: Lavier, McCollum, Gonzalez-Torres, Buren, Kosuth und Sol LeWitt.

Bislang läge aus keinem anderen Museum eine vergleichbare Untersuchung vor, sagte die Projektleiterin Martina Wiedleroither. Das Hauptaugenmerk habe „auf Bedürfnissen von Besuchern, Ansprüchen von Künstlern und dem Verhältnis von Raum und Werk“ gelegen. Im Anschluss seien Interviews mit Museumsbesuchern durchgeführt worden. 721 Besucher wurden beobachtet, 500 davon auch interviewt.

In einem ersten Schritt wurde geschaut, wie Besucher sich im vermeintlich neutralen, weißen Kunstraum bewegen, wie lange sie vor einzelnen Werken verweilen und welchen Abstand sie zur Kunst einnehmen. In einem zweiten Schritt wurde ein bequemes Sitzmöbel in den Ausstellungsraum gestellt. In einem dritten Schritt schließlich wurde der Saal mit grüner Wandfarbe gestrichen. Die Hängung und Auswahl der Werke blieb den gesamten Untersuchungszeitraum über unangetastet.

Grün macht Lust auf Kunst

„Insbesondere bei der Wandfarbe waren interessante Effekte zu verzeichnen. Es gab ein im Durchschnitt gesteigertes Interesse der Besucher an den Werken, zudem wiesen die Probanden ein komplexeres Laufverhalten auf", resümiert Wiedleroither. Eine Mehrheit der Beteiligten habe angegeben, sich im grünen Raum zwar „weniger gelassen" gefühlt, jedoch eine gesteigerte Lust verspürt zu haben, sich auf Kunst einzulassen. Auch seien Besucher bei Grün leichter miteinander ins Gespräch gekommen.

Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in allen Szenarien lag bei 76 Sekunden. Wenn nur die Personen betrachtet wurden, die den Raum nicht sofort wieder verlassen haben, lag der Durchschnittswert bei 90 Sekunden. Kaum Auswirkungen zeigte die Versuchsanordnung mit Sitzmöbel, einem sechs mal zwei Meter großem Polstersitz. Das Möbel habe die Aufenthaltsdauer zwar etwas gesteigert, die sterile Situation im „White Cube“ jedoch nicht aufbrechen können, sagt Wiedleroither.

Auch über die Besucherinteraktion mit einzelnen Werken erbrachte die Studie Aufschluss. Felix Gonzalez-Torres’ Werk „Untitled (Republican Years)“ von 1992 ist interaktiv angelegt, doch lediglich fünf von 200 Personen ließen sich auf Interaktion ein: nämlich sich bei einem Papierstapel zu bedienen, und so Torres‘ Werk nach dessen eigenen Wünschen „zu besitzen“.

Nun stellte das Team die Ergebnisse des Experiments, das mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert wurde, in Hannover bei einem Symposium mit dem Titel „White Cube – Right Cube?“ vor. Das Fazit lautete: „Schon das einfache Mittel des farbigen Wandanstrichs bewirkt das Aufbrechen der Monotonie im Museumsraum. Dominante Gestaltung führt zu intensiverer Kunstrezeption als die Präsentation vor weißer Wand.“ Durch die empirischen Ergebnisse sieht das Forscherteam seine Ausgangsthese bestätigt, „dass der White Cube auf Grund seiner Beschaffenheit und traditionellen Aufladung die Bewertung des Werks sehr wohl beeinflusst“.

So ähnlich kann man das schon in Brian O’Dohertys berühmtem Essay über den „White Cube“ von 1976 nachlesen. Von der „weißen Zelle“ ist da die Rede. Zur Studie ist eine Publikation geplant, die Ende des Jahres erscheinen soll.

Martina Sulner 28.03.2012
27.03.2012
27.03.2012