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00:16 02.04.2018
Nah dran am Original: Ein Musical im Theater am Aegi zeigt das Leben von Tina Turner.
Nah dran am Original: Ein Musical im Theater am Aegi zeigt das Leben von Tina Turner. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

  Die Scheinwerfer blitzen auf, kurze Glitzerkleider schwingen im Takt und eine Frau mit Wuscheltolle singt „I’m Your Private Dancer“ – 34 Jahre ist es her, dass Soulröhre Tina Turner mit dem Album „Private Dancer“ international erfolgreich war. Auf der Bühne im Theater am Aegi steht die heute 78-Jährige zwar nicht selbst, die kraftvolle Imitation von Dorothea „Coco“ Fletcher kommt der Original-Tina stimmlich und optisch aber sehr nahe. 

„Simply the Best – Das Musical“ heißt die neueste Show von Musikproduzent Bernhard Kurz, der sich auf Tribute-Shows spezialisiert hat, in denen er Musik bekannter Künstler – etwa die Beatles oder Elvis – in Form von Doppelgängern wieder auf die Bühne holt. Mit den Shows tourt Kurz dann um die ganze Welt. Im vergangenen Jahr war er bereits mit dem Tina-Turner-Tribute im Theater am Aegi. 

Leben und Karriere von Tina Turner erzählt das Musical „Simply The Best“ nach, das im Theater am Aegi zu sehen gewesen ist.

Das Musical soll nun eine Hommage an die Sängerin sein – dabei geht es eigentlich nicht besonders viel um sie. Ausgiebig wird die Zeit vor ihrem Durchbruch als Solo-Künstlerin mit ihrem herrischen Mann Ike Turner (Vasti Jackson) dargestellt. Ein Lied  folgt hier auf das andere. Es gibt ein verschüchtertes Vorsingen vor dem bereits bekannten Weltstar Ike Turner, bei dem ein Mann Tina Turners Hüftschwung mit seinen Händen steuert und über ihre Naivität lacht.

Ginge es um Gesprächsanteile, die manchmal in Talkshows gemessen werden, hat Tina Turner bei ihrer eigenen Musical-Biografie erstaunlich wenig Redezeit. Ihre Geschichte wird hauptsächlich vom Besitzer des „Manhattan Clubs“ Davis Taylor (Koffi Missah) erzählt – oder anderen, wie Produzent Sam Philips oder ihrem Manager Roger Davis. Der überzeugt sie „What’s Love Got to Do with It“ zu singen –was dann ihren erster großer Erfolgssong wird. Sie hat mehr Lust auf Rock ’n’ Roll, nicht auf „Kindermärchen“-Musik – singt das Lied dann aber doch. So selbstbewusst und stark sie wirkt, wenn sie singt, so unsicher wirkt sie bei Karriereentscheidungen. „Simply the Best – Das Musical“ fokussiert dazu eher auf ihre Entdecker, als auf den Weltstar Tina Turner selbst. 

Das Bühnengeschehen gleicht mit hochkarätiger Band und zahlreichen Liedern eher einem Konzert mit erzählerischen Einschüben, als einem klassischen Musical. Das Publikum stört das nicht – ganz im Gegenteil: Die knapp 1100 Zuschauer klatschen begeistert im Takt, jubeln und pfeifen. Später stehen sie auf und singen lauthals mit. 

Mal trägt Tina roten Fransenfummel, mal ein goldenes Glitzerkleid oder ein hautenges Lederkostüm. Die Frisuren werden im Laufe des Abends immer wilder, die geglättete Neunzigerfrisur wird zur rebellisch-toupierten Haarmähne, dazu bewegen sich Tänzerinnen lasziv. Auf dem Bildschirm hinter der Bühne mischen sich Konzert-Aufnahmen von Original-Tina mit Echtzeit-Videos vom Musicalabend. Egal, was auf der Bühne passiert, es passiert mit großer Geste. Jeder Tina-Turner-Song ist perfekt-durchchoreografiertes Entertainment. Selbst, als sie sich von ihrem gewalttätigen und kokainsüchtigen Mann Ike scheiden lässt und finanzielle Probleme bekommt, bleibt die Erzählweise durch die externalisierte Erzählperspektive oberflächlich und wenig empathisch. Wirklich nahe kommt das Musical so aber eben weder dem Menschen noch der Künstlerin Tina Turner.

In ihrem eigenen Tribute-Musical ist die Kult-Sängerin am Ende doch nur Bühnendeko.

Von Kira von der Brelie