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Kultur Musicbanda Franui überzeugt nur musikalisch
Nachrichten Kultur Musicbanda Franui überzeugt nur musikalisch
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18:52 24.08.2012
Von Rainer Wagner
Safer Kiss: Stefan Kurz und Brigitte Hobmaier in „Meine Bienen“. Quelle: Michel
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Salzburg

Der Titel ist rätselhaft, taugt aber dennoch zur Inhaltsangabe. „Meine Bienen. Eine Schneise“ heißt das Gemeinschaftsprojekt des Tiroler Dichters Händl Klaus und der Tiroler Musicbanda Franui. Genau darum geht es auch in dieser Auftragsarbeit für die Salzburger Festspiele. Um Bienen, die einem Brand zum Opfer gefallen sind, der wiederum eine Schneise in einen Wald gebrannt hat. Dort treffen sich ein vaterloses Kind samt Mutter mit einem (Brand?-)Inspektor und einem Wanderimker.

Wenn man der Schwarmintelligenz des Uraufführungspublikums im Salzburger Landestheater vertraut, ist dieses umjubelte Stück ein Volltreffer. Man kann aber, noch stärker als nach dem Franui-Projekt zu den diesjährigen hannoverschen Kunstfestspielen Herrenhausen, auch diagnostizieren, dass die Musik viel interessanter ist als die Rahmenhandlung. In Hannover hatte Franui für „Schau lange in den dunklen Himmel“ immerhin Heinrich Heine und Robert Walser als Textlieferanten.

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In Salzburg gibt es einen arg prätentiösen Text von Klaus Händl, der sich nach bäuerlich-ländlicher Tradition mit dem Nachnamen zuerst anreden lässt. Wer will, kann, wie Regisseur Nicolas Liautard, im Kindernamen Lukas ein Anagramm von Klaus erkennen. Jedenfalls steht ihm der Knabe Lukas für die Zukunft, der Ermittler Peter für die Gegenwart. Die Vergangenheit wird durch den Wanderimker Wim verkörpert. Und Kathrin, Lukas’ Mutter und Wims Tochter, versinnbildlicht die Zeitlosigkeit, die Allgegenwart und wohl auch die Allmutter.

Es gibt da nämlich eine schöne Vorgeschichte dieses Musiktheaterabends - und die ist leider spannender als die eigentliche Story. Zum einen hat Andreas Schett, Franui-Gründer und Leiter, als Kind erlebt, dass man einen entflogenen Bienenschwarm mit dem Scheppern zweier aneinandergeschlagener Topfdeckel anlocken kann. Zum anderen gibt es das auch schon in der griechischen Mythologie, wo die Erdmutter Gaia nämlichen Trick anwendet.

Aber der vielleicht doch überschätzte Theaterautor Händl Klaus sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr: Er verläuft sich im Dickicht sprachlicher Manierismen und verheddert sich im Unterholz der Symbolik. Da ist der Knabe, der den unbekannten Vater sucht. Die Mutter, die in mangelnder Körperhygiene einen Schutzfaktor sieht („Wer sich wäscht, verrät sich“) und einerseits die Menschen auf Abstand hält, andererseits mit ihrer vergangenen Liebe Peter flirtet. Knabe Lukas wird am Ende ausgesandt, um mit einem Wanderpokal, der als Gral dienen muss, ein letztes überlebendes Bienenvolk einzusammeln. Nicht um es zu retten, sondern damit es die todbringenden Milben, die es sich eingefangen hat, hinausträgt in die Natur. Wim, der der Großvater von Lukas ist (und vielleicht auch sein Vater?), hasst nämlich die Natur.

Dieser Wahrheit eine Schneise schlägt die Musik. Die schmettert natürlich in gewohnter Franui-Bravour, zirpt aber auch tonmalerisch. Wenn die beiden Franui-Komponisten Markus Kraler und Andreas Schett einen Brandstiftungskanon intonieren lassen, dann ist das kunstvoller als die Manier des Textdichters, Sätze wort- oder gar silbenweise auf zwei, drei oder auch vier Akteure aufzuteilen.

Die Musikarchäologen von Franui sind diesmal bei frühen, wunderlich vertrackt-naiven Liedern von Alban Berg fündig geworden und haben sie eingebunden in eine stimmungsstarke Musiktheatermusik. Natürlich darf der Trauermarsch nicht fehlen. Der artifizielle Volksliedton der Berg-Lieder ist geschickt eingebettet. Und wie das bei der Uraufführung der Wiltener Sängerknabe Michael (es gibt auch eine Zweitbesetzung) macht, das ist staunenswert. Er besteht glänzend neben den Profis André Jung (Wim), Brigitte Hobmeier (Kathrin) und Stefan Kurt (Peter), der seit diversen Robert-Wilson-Produktionen den schrägen Ton draufhat. Nicolas Liautards Regie zwischen Asche und Staub fällt dabei nicht weiter auf, es sei denn, diverse Textschleifen seien ihr zuzuschreiben.

Nach eindreiviertel Stunden einstimmiger Jubel. Und das Minderheitenvotum des Kritikers, der diese Musik schon wiederhören möchte. Aber nicht unbedingt den Theatertext mit seiner Pseudoarchaik und dem Möchtegern-Handke-Ton. Es gibt ja auch Orchestersuiten ...

Wieder am 25., 27., 29. bis 31. August.

Ronald Meyer-Arlt 24.08.2012