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Kultur „Musik kann die Welt verändern“
Nachrichten Kultur „Musik kann die Welt verändern“
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07:51 30.08.2012
Der britische Musiker John Watts gastiert im Oktober in Hannover.
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Hannover

„Ich bin immer wütend“, behauptet John Watts. In den achtziger Jahren artikulierte er mit seiner Band Fischer-Z die Angst vieler vor einem Atomschlag. Er verspottete kalte Krieger, Rücksichtslose und Scheinheilige als „evangelists and presidents and kings with perfect teeth and golden wings“. Die Sehnsucht des Außenseiters nach Anerkennung prägte viele seiner Wave-Pop-Songs.

Mit einigen Titeln wie „Pretty Paracetamol“, „Marliese“ und „Red Skies over Paradise“ landete er Hits. Dass sein Kopfstimmengesang stark an Sting erinnerte, erscheint heute nicht so schlimm. Längst singt der 57-Jährige tiefer. Er schreibt auch Theaterstücke und Gedichte, weil er, wie er sagt, Wiederholungen und Nostalgie nicht mag. Für abrupte künstlerische Richtungswechsel ist er bekannt. Diese haben wohl auch größeren kommerziellen Erfolg verhindert.

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Gerade hat eine Reihe prominenter englischer Musiker, darunter Neil Tennant von den Pet Shop Boys und Jarvis Cocker von Pulp, in einem in der Zeitung „The Times“ abgedruckten offenen Brief, Russlands Präsident Wladimir Putin aufgefordert, die Pussy-Riot-Aktivistinnen freizulassen. John Watts hat nicht unterschrieben. Er wurde gar nicht gefragt. Sie hätten ihn aber doch dazubitten sollen, auch wenn seine Songs inzwischen in der Nische verschwunden sind und er weltweit nur 2085 Facebook-Fans hat. Denn Watts sagt den alten, schönen Künstlersatz: „Ich glaube daran, dass Musik die Welt verändern kann.“

Wirklich? Gerade hat man „Imagine“ von John Lennon als Friedenshymne bei der Schlussfeier der Olympischen Spiele gespielt. Kaum zwei Wochen später droht ein Giftgaskrieg im Nahen Osten. Angesichts dieses krassen Gegensatzes zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Ist es nicht naiv zu glauben, mit Hilfe von Popmusik die Welt verbessern zu können?

Nein. Mit Popsongs kann man auf eine einfache Art und Weise Menschen ansprechen und berühren. Kunst kann zum Nachdenken anregen. Das ist die Aufgabe des Künstlers. Er muss sein Publikum nicht glücklich machen, indem er Jukebox-mäßig nur seine Hits abliefert. Kunst muss nicht schön sein, sondern darf durchaus stören und provozieren.

So wie Pussy Riot?

Die Frauen sind absolut großartig und sehr mutig.

Was hat Sie beeindruckt?

Ich möchte es so erklären: Meine im Oktober erscheinende Single „Just like Justice“ ist ein simpler Popsong über Gerechtigkeit und Wahrheit und Liebe. Alle diese Worte, bedeuten aber nichts, solange nur darüber gesprochen wird. Liebe zu versprechen, reicht nicht, du musst sie auch zeigen. Und dasselbe gilt in der Politik. Solange du nicht handelst, nutzen die schönsten Worte nichts. Und Handeln kann die Welt verändern. Da ist Pussy Riot ein sehr, sehr gutes Beispiel. Die Aktion im Altarraum der Moskauer Kirche war eine der effektivsten Reaktionen auf Putins autoritäres System. Es ist absolut wunderbar, dass eine Gruppe junger Art-Punk-Frauen es geschafft hat, Putin solche Probleme zu bereiten. Das sollte andere Leute inspirieren.

„The time for changing has begun - say no!“, forderten Sie 1989 in Ihrem Song „Say no“. Ein Lied, das gut zu den Montagsdemonstrationen in der DDR passte. Die Mauer fiel. Die Globalisierung nahm Tempo auf und brachte eine weltweite Vernetzung und Abhängigkeit der Banken mit sich. Als eine Folge davon konnte die Pleite einer einzigen Bank zu einem weltweiten Schock führen. Und dann droht da auch noch die Klimakatastrophe. Sind die globalen Probleme nicht viel zu kompliziert um beispielsweise mit einem einfachen „Say no“ darauf zu reagieren?

Ich denke, die Menschen sind zu pessimistisch. Die Finanzkrise ist letztlich nur eine Finanzkrise. Sie sollte keinen riesigen Schatten auf eine ganze Generation werfen. Es ist ein Verbrechen, dass jungen Leuten im Alter meiner Kinder, also 20- bis 30-Jährigen, gesagt wird, sie würden niemals Häuser haben, niemals Geld, keine Zukunft. Das ist nicht wahr. Jede Generation hat Möglichkeiten, jede Generation hat geniale Köpfe. Nein. Ich bin nicht pessimistisch. Eine Sache würde wirklich helfen: Wenn die Menschen aufhören würden, andere nur danach zu beurteilen, wie viel Geld sie haben. Das ist eines der größten Probleme unserer Zeit.

John Watts hat einen Song zur aktuellen politischen Lage in Europa aufgenommen: „Trouble in the Eurozone“, die Euro-Zone in Schwierigkeiten. Es sei kaum zu erkennen, wer Polizist und wer Betrüger ist, singt er. Aber eins ist für ihn klar: die Gier ist das Grundübel. Im Musikvideo ist ein nackter Mann zu sehen. Er tanzt. Großaufnahme Geschlechtsteil, das von einem 100-Euro-Schein bedeckt ist. Das Geld tanzt mit. Watts’ Kapitalismuskritik erinnert an das Cover des Nirvana-Albums „Nevermind“ von 1991, auf dem ein Baby einer Dollar-Note hinterhertaucht. Die Punkrock-Band aus Seattle hat „Nevermind“ 30-Millionen-mal verkauft. Sie war plötzlich Teil des Systems, das sie - unter anderem mit dem Foto - anprangerte. Nirvana-Sänger Kurt Cobain, depressiv und drogenabhängig, hielt den Widerspruch nicht aus. Er erschoss sich.

John Watts benutzt in seinen Texten häufig das Wort Paradies. Aber er beschreibt damit keine ferne Welt, sondern eine Haltung: „Paradies steht für Optimismus“, sagt er. „Außerdem ist es einfach ein schönes Wort.“

Der sensible Cobain hat aufgegeben. Lennons Paradies aus „Imagine“ scheint unerreichbar. Sie sind zuversichtlich?

Das Internet verleitet die Menschen dazu, zu glauben, dass alles ganz einfach und unkompliziert funktioniert. Man kommt sehr schnell an Informationen - zum Beispiel über Pussy Riot. Mit einem Mausklick kann man sich sogar mit ihrer Sache solidarisieren ...

... nach dem Motto: Pussy Riot: Gefällt mir! ...

... ja, aber das allein reicht nicht. Jede neue Generation muss für ihre Anliegen auf die Straße gehen, so wie frühere Generationen auch. Ich war zur Zeit der Occupy-Proteste in New York und habe dort viele junge Leute gesehen, die sich durchaus für Politik interessieren. Sie protestierten nicht nur gegen unregulierte Finanzmärkte. Sie hatten auch grüne Anliegen.

Aber?

Das große Problem ist, sie haben keine gemeinsame Botschaft, sie haben keinen gemeinsamen Plan. Sie unterstützen lieber verschiedene Ideen. Deshalb sind sie auch nicht an Parteipolitik interessiert. Nicht geschlossen aufzutreten, nicht mit einer Stimme zu sprechen, kann aber eine Schwäche sein, wenn man etwas verändern will.

Mathias Begalke

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