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17:32 28.01.2014
Von Uwe Janssen
Pete Seeger ist im Alter von 94 Jahren verstorben. Quelle: dpa
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New York

„Ich kann euch nicht hören.“ Eine Rockmusikfloskel. Rampensäue sagen so etwas, um das Publikum anzustacheln, lauter mitzusingen. Pete Seeger sagte das auch. Oft. Doch er wollte mehr, nicht nur Unterstützung. Er, der Folksänger, der Volkssänger, wollte einen großen Chor, eine Bewegung. Und wenn die Leute dann die Worte und die Melodie übernommen hatten, dann zupfte Seeger dazu sein Banjo und sah zufrieden aus. Pete Seeger war keine Rampensau. Er war ein Initiator, ein Stimulator, der Musik weiterreichte, weil er wie kaum ein anderer an die Kraft der Musik glaubte. „Mit einem Song kann man seine Gedanken ausdrücken und gemeinsames Handeln fördern“, sagte er einmal, nicht ohne zu ergänzen: „Ich glaube allerdings, dass nicht nur Lieder geschrieben werden müssen. Es muss auch gehandelt werden.“ Nun ist Pete Seeger mit 94 Jahren in New York, seiner Geburtsstadt, gestorben.

Die Idee, Menschen mit Musik zu bewegen und zu vereinen, trug der Sohn eines Pianisten und einer Geigerin schon als Jugendlicher in sich, lange bevor er mit „Where have all the Flowers gone“ oder „Turn, Turn, Turn“ zum Reanimator der amerikanischen Folkmusik wurde. Schon in den dreißiger Jahren demonstrierte er mit Kommunisten auf den Straßen New Yorks gegen Hitler und  Rassendiskriminierung. Während andere Schilder in die Hand nahmen, spielte er sein Banjo und sang dazu Lieder, die alle kannten. Er war fasziniert von den alten Volksweisen: „Es sind große Songs, sie sind ein Teil von Amerika.“

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Seeger war hin- und hergerissen zwischen den Ideen der Pazifisten, Sozialisten und Kommunisten, er sang für Bürgerrechte und die Arbeiterbewegung, aber mehr als für alles andere setzte er sich für die Musik ein. Als Teil der Weavers wurde er landesweit bekannt, Ende der vierziger Jahre leitete die Band ein amerikanisches Folkrevival ein – und verankerte Lieder mit unabsehbaren Halbwertszeiten. In einer Zeitschrift seiner Organisation „People’s Songs“ veröffentlichte Seeger 1948 eine erweiterte Fassung des Gospelliedes „We will overcome“. Dabei wechselte er das zweite Wort der Titelzeile aus und setzte „shall“ ein, weil es, wie er später einmal sagte, „den Mund besser öffnet“. Bürgerrechts- und Friedensbewegung hatten ihre Hymne, und sie haben bis heute. Seeger tourte von einem College-Campus zum nächsten – als Musikmissionar: „Ich  zeigte den Kids, dass es viele tolle Lieder in diesem Land gibt, die sie nicht aus dem Radio kennen.“

Während die von ihm neu popularisierten Songs an jedem Lagerfeuer gesungen wurden, verschwand Seeger in der McCarthy-Zeit von der Bildfläche, nachdem er, als Kommunist vom „Komitee für unamerikanische Aktivitäten“ befragt, die Aussage verweigert hatte. Ein Jahr saß er im Gefängnis, fast zwei Jahrzehnte wurde er von den Medien ignoriert. Den Folk trugen andere weiter, live, auf immer größer werdenden Festivals. Bob Dylan, Fan von Seeger, schärfte ihn zum politischen Protestsong, dies noch durchaus im Sinne seines Vorbilds. Doch als Dylan beim Newport Festival 1965 seine Gitarre in den Verstärker stöpselte, flippte Seeger, Waldhüttenbewohner und in allen Lebensbereichen unplugged-Fan, hinter der Bühne aus.

Seeger selbst zog sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück, bis er vor zwei Jahren mit einem Auftritt bei den Protesten der Occupy-Bewegung überraschte. Im Juli dieses Jahres starb Toshi, seine Frau und Mutter seiner drei Kinder, mit 91 Jahren. Die beiden waren 70 Jahre lang verheiratet. 

Seine Einflüsse dagegen sind bis heute spürbar. Bruce Springsteen nahm 2005 die „Seeger Sessions“ auf. Er sagt: „Pete hatte eine umfassende Idee, wie man mit Musik beeinflusst und inspiriert. Das ist die Kraft von Musik, das ist die Kraft von Pete Seeger.“

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