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Kultur NDR-Chefdirigent Eivind Gullberg Jensen
Nachrichten Kultur NDR-Chefdirigent Eivind Gullberg Jensen
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18:57 25.01.2010
Von Jutta Rinas
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Auf dem Schild an der Tür des Chefdirigentenzimmers ist der Name Eivind Gullberg Jensen schon seit mehr als hundert Tagen zu lesen. Aber der Norweger selbst wirkt an diesem Nachmittag nach einer Probe mit den Radiophilharmonikern eher wie ein Durchreisender. Das liegt daran, dass er sein Arbeitszimmer auch vier Monate nach seinem Amtsantritt noch nicht wirklich in Besitz genommen hat. Auf dem Schreibtisch liegen zwar sein Dirigierstab und ein, zwei Partituren, daneben – fast achtlos hingestellt – eine Wasserflasche und eine Banane. Von der Wand lächelt noch sein Vorgänger, der ewig strahlende Japaner Eiji Oue. Die Ehrenurkunde Oues zur Verleihung des Praetorius-Preises des Landes Niedersachsen hängt auch noch dort. Gullberg Jensen ist in diesen Tagen in Hannover tatsächlich ständig auf Durchreise. Etwa zeitgleich mit dem Bekanntwerden seines Engagements in Hannover hat seine Karriere noch einmal einen Schub bekommen. Er leitete bei den Baden-Badener Festspielen mit Claudio Abbado eine Neuproduktion von Beethovens Fidelio mit dem Mahler-Chamber-Orchestra, er gab viel beachtete Debüts an der English National Opera London mit Janáceks „Jenufa“ und an der Norske Opera Oslo mit „Rusalka“. Für 2010 sind unter anderem Auftritte mit den Berliner Philharmonikern geplant.

In diesen Tagen hat er nicht nur in Hannover Proben. Gullberg ist auch am Opernhaus Zürich engagiert, wo er eine Neuproduktion von „Il Corsaro“ von Giuseppe Verdi dirigiert. Elf Tage lang pendelt der Familienvater andauernd zwischen Zürich und Hannover. Nachts kommt er in der Schweiz manchmal erst um zwei Uhr ins Bett, weil er nach Konzerten zu aufgewühlt ist, um einschlafen zu können.

Drei Stunden später muss er den Flieger nach Hannover nehmen. So geht das Tag für Tag – b­­is auf einen Zwischenstopp am Sonntag in Gullberg Jensens Heimatstadt Bergen: „Torte backen stand da auf dem Programm “, sagt der Dirigent und lacht: „Meine Tochter Emma ist sechs geworden“.

Ein bisschen müde sieht der Mann mit dem zerzausten Lockenkopf aus. Aber sein Witz und seine Schlagfertigkeit scheinen nicht gelitten zu haben. Gullberg Jensen ist keine unnahbare Dirigenteneminenz, sondern ein Musiker, der unprätentiös auftritt. „Manchmal habe ich mich schon gefragt: Wo bin ich eigentlich gerade?“, beschreibt er die Belastung durch das Pendeln zwischen Zürich und Hannover offen. Trotzdem empfindet er die Gastdirigate – Gullberg arbeitet auch regelmäßig mit dem Orchestre de Paris und dem Orchestre National de France – ­ ­als große Bereicherung: für ihn selbst und für sein Orchester, weil er durch die Arbeit mit fremden Orchestern für die Arbeit mit den Radiophilharmonikern immer neue Impulse bekomme. Synchronisieren will Gullberg Jensen seine Programme künftig so oft es geht, Rachmaninows zweite Sinfonie spielt er 2010 siebenmal, mit verschiedenen Orchestern. Mindestens genauso wichtig sei ihm aber die Arbeit vor Ort, betont der 37-Jährige. Er werde 16, 17 Wochen pro Saison in Hannover sein.

Das sei mehr als im Vertrag stehe.

Gerade hat er in Hannover zwei kleine Geigen gekauft. „Wenn wir zu Hause ein paar Geigen haben, dann wollen meine Kinder vielleicht auch darauf spielen“, sagt er. Und angesprochen darauf, ob es stimme, dass er seinen dreijährigen Sohn Wilhelm nach Wilhelm Furtwängler benannt habe, lacht er auf. „Das sage ich immer, wenn ich meine Frau ein bisschen irritieren will“, meint er dann. Gullbergs Großvater habe nämlich auch Wilhelm geheißen, der Name entstamme mindestens zur Hälfte keiner Dirigenten-, sondern einer Familientradition.

Eivind Gullberg Jensen hat als Kind selbst Geige gespielt, daneben Blockflöte und Trompete. Sein eigentliches Interesse habe immer dem Studium der Partituren, dem Dirigieren gegolten. Trotzdem belegte er neben privatem Geigenunterricht erst einmal das Fach Mathematik, bevor er sich nach Studien bei Jorma Panula in Stockholm und bei Leopold Hager in Wien für die Musik entschied.

Wenn er von seiner Arbeit in Hannover spricht, merkt man, dass er mit seinem Orchester noch viel vorhat. Mehr Mahler will er machen, vielleicht in zwei, drei Jahren einen Beethoven-Zyklus. Ein Late-Night-Konzert möchte er einführen, eines, wo man gegen 22 Uhr eine Stunde klassische Musik hört, dann soll der Abend in eine House-Party übergehen.

Er scheint sich in Hannover recht wohlzufühlen. Nur einmal, sagt er, habe ihn die Landeshauptstadt bislang enttäuscht. Das war an dem Tag, als er zum ersten Mal von seiner Wohnung in der Oststadt in die Eilenriede ging. „Man hatte mir gesagt, man kann in diesem Stadtwald sehr weit laufen“, sagt der Norweger und lacht schon wieder. Er sei losgegangen und nach fünf oder zehn Minuten schon wieder an eine Straße gestoßen. „fünf bis zehn Minuten laufen, in der Einsamkeit, im Wald, in der Stille, das ist für einen Norweger wirklich nicht sehr weit“.

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