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Kultur NDW-Star Joachim Witt wird 70: Die Klinik an der Umgehungsstraße steht immer noch
Nachrichten Kultur NDW-Star Joachim Witt wird 70: Die Klinik an der Umgehungsstraße steht immer noch
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06:13 22.02.2019
Viel probiert in all den Jahren: Der Sänger und Musiker Joachim Witt wurde Anfang der Achtzigerjahre mit der Neuen Deutschen Welle berühmt und feierte mit der Neuen Deutschen Härte Ende der Neunzigerjahre ein Comeback. Quelle: Christian Charisius/dpa
Hamburg

Das war eigentlich so überhaupt keine Geschichte für die Charts. Jemand, der mal ganz groß war, wird weggesperrt. Noch einmal sieht er die Lichter der Stadt, dann geht es Richtung Umgehungsstraße, wo ihn eine gigantische Psychoklinik verschlucken wird. „Neue Behandlungzentren bekämpfen die wirklichen Ursachen nie“, hieß es im Text etwas neusachlich altklug.

Witts „Reiter“ wurde trotz des Textes einer der großen NDW-Hits

Und „Hey, hey, hey ich war der Goldene Reiter“, folgte dann mit sanftmütig-heller Stimme gesungen der Refrain. Im Video ließ der leuchtend blonde Joachim Witt seinen Körper zum nervösen Beat und den nadelstichartigen Gitarrentönen zucken, seine Blicke irre fliegen. Das brachte den Song „Der Goldene Reiter“ im Sommer 1981 bis auf Platz zwei der Charts. Einer der größten Hits der Neuen Deutschen Welle, ein Klassiker aus Atomkriegsangstzeiten.

Diese Welle zeigte den alten Fönfrisuren des Schlagers ein paar Jahre lang, dass alles möglich war, bevor sie dann selbst verschlagerte. Nach der Single „Tri Tra Trullala (Ich bin euer Herbergsvater)“ vom 82er Album „Edelweiß“ verschwand auch der Hamburger Witt erstmal in der NDW-Versenkung.

Ohne dabei freilich je mit der Kunst aufzuhören. Viele Versuche sich musikalisch neu zu erfinden, waren kommerziell gesehen Fehlschläge. Ob Witt auf englisch sang oder Dr. Albans „Hello Africa“ 1991 in „Hallo Deutschland“ umtextete, um der Wiedervereinigungsseligkeit jener Tage ein wenig Fragwürdigkeit zu verleihen: „Hallo Deutschland, mach dir keine Sorgen, der Osten wird der Westen, Helmut wird uns schon was borgen.“ Ein Hit wurde das nicht.

Witts wagnerianisches Wollen wurde belächelt und kritisiert

Der zweite Frühling kam erst 1998. Mit dem Album „Bayreuth“ und der Single „Die Flut“, einem Duett mit Peter Heppner von Wolfsheim, stand Witt wieder von den Rocktoten auf. Im Sound der Neuen Deutschen Härte hörte man das Klirren und Stampfen der Maschinenmärsche von Laibach, die schweren Melodiebögen der Sisters Of Mercy, man schwebte in den Klangräumen von Gothic-Rock, Gregorianik und Synthpop, träumte sich in die Bildwelten von Caspar David Friedrich und Hieronymus Bosch hinein.

Einsamkeit, Sehnsucht, Angst, Inferno. Seelenwinter. Manche Strophen trug Witt in seinen Konzerten wie Gebete vor, fiebrig geflüstert, flehentlich. Zu den Refrains tanzte er dann ruckartig wie ein Holzmännlein vom Rummelplatz in das ein zynischer Gott ungelenkes Leben gehaucht hat. Mensch an Fäden - so ähnlich hatte er sich ja schon zum „Reiter“ bewegt.

Man hat Witts wagnerianisches Wollen damals belächelt. Und mancher berunzelte sein lyrisches Pathos sogar als faschistoid. Der Mann sang Nietzschelyrik und Narretei, sang Lieder, die unter ihrer dick aufgetragenen Metaphorik aber allesamt von der Kälte der Zeiten handelten. Seither war Witt nie wieder ganz oben aber auch nie wieder ganz weg.

Witt verursachte 2012 mit dem Video zu „Gloria“, das unter anderem Bundeswehrsoldaten bei einer Vergewaltigung zeigte, einen Skandal, verirrte sich 2016 – schlecht beraten - in den „Promi Big Brother“-Container und sang im Vorjahr mit Lotto King Karl ein schwülstiges Teutonenpopstück für den abgestiegenen HSV. „Aufstehn“ kam dabei auch gerade recht als Mutgesang für Yogis bei der WM abgestürzte Schland-Elf.

Wenn der rauschebärtige Witt, der heute in Potsdam lebt, am 22. Februar 70 Jahre alt wird (Feier im kleinen Familienrahmen mit Loungemusik in Hamburg), erscheint auf den Tag genau der ewige Partykracher „Der Goldene Reiter“ in pompös auf seinem Geburtstagsalbum „Refugium“. Erfolge und Lieblingssongs aus 40 Jahren Karriere hat Witt noch einmal mit großem Orchester eingespielt. Der Song wirkt hier breit und schwer, wie ein Denkmal deutscher Popmusik.

Was er ja auch ist. Im Duett mit seinem „Die Flut“-Gesangspartner Heppner hat Witt im August 2018 die Frage „Was bleibt?“ gestellt. In Witts Fall wird’s in jedem Fall der „Reiter“ sein. Die Zeiten sind ja nach wie vor zum Dran-Verzweifeln und die Klinik an der Umgehungsstraße schließt nie. Happy Birthday, Joachim Witt!

Neues Album: Joachim Witt: „Refugium“ (Meadow Lake Music/Rough Trade)

Tourdaten: 26. April Georg-Friedrich-Händel-Halle/Halle; 27. April UdK Konzertsaal/Berlin; 28. April E-Werk/Köln; 30. April Theater am Aegi/Hannover; 1. Mai Kulturpalast/Dresden; 1.Juni Alte Oper/Erfurt; 22. Juni Capitol/Offenbach; 23. Juni Friedrich-Ebert-Halle/Hamburg.

Von Matthias Halbig / RND

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