Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Nach der Krim annektiert Putin die Kunst
Nachrichten Kultur Nach der Krim annektiert Putin die Kunst
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:53 04.04.2015
Sein Tannhäuser gab den Ausschlag: Regisseur Timofej Kuljabin. Quelle: dpa
Anzeige

Tannhäuser ist ein Provokateur, ein Ausgestoßener. Mit seinem Lobpreis auf die sinnliche Liebe sorgt er in ­Richard Wagners Oper für einen Skandal und wird verbannt. Ein ähnlich drakonischer Umgang mit Künstlern spielt sich derzeit in Russland ab. Der russische Regisseur Timofej Kuljabin (30) holte den Tannhäuser-Stoff an der Oper von Novosibirsk in die Gegenwart - und löste damit politische Verwirrungen aus.

Kritiker bezeichnen die Inszenierung als Meilenstein der russischen Wagner-Rezeption. Doch die Mächtigen begehrten dagegen auf. Erst warf die christlich-orthodoxe Kirche des Landes dem Regisseur vor, gegen das Blasphemiegesetz verstoßen zu haben. Diese Vorschrift wurde 2013 als Reaktion auf das Punkgebet der Pussy-Riot-Aktivistinnen verabschiedet und ahndet die Verletzung religiöser Gefühle mit Haftstrafen. Vor Gericht siegten die Künstler Anfang des Jahres zwar noch, doch dann mischte sich das russische Kulturministerium ein. Jetzt spüren die Künstler den Druck der Staatsmacht und sie vermuten dahinter den autoritären Präsidenten Wladimir Putin. Der nimmt den Vorfall offenbar zum Anlass, die Kulturschaffenden viel stärker als bisher zu überwachen.

Anzeige

Die Staatsmacht reagiert rigoros

Tatsächlich war Kuljabins Inszenierung provokativ: Er machte den Sängerwettstreit zum Kinofestival, auf dem Tannhäuser als Regisseur seinen Film „Venusgrotte“ vorstellt. Der Film handelt davon, wie der junge Jesus sich in der Höhle der römischen Liebesgöttin der Sünde hingibt. Das Filmplakat zeigt als Teil des Bühnenbilds den gekreuzigten Heiland an einem nackten weiblichen Unterkörper hängend.

Die Staatsmacht reagierte rigoros: Operndirektor Boris Mesdritsch wurde entlassen. Das Ministerium sagte, ein staatliches Theater sei „vor allem ein Institut, das der Aufklärung und nicht Provokationen und Selbstwerbung für staatliches Geld dienen soll“. Der neue Direktor Wladimir Kechman hatte sich für das Amt empfohlen, weil er den Tannhäuser als „Demonstration innerer Ehrlosigkeit im Geist kriegerischer Gottlosigkeit“ bezeichnete. Als Erstes strich er die Oper vom Spielplan.

Gesetz soll Kulturfreiheit beschneiden

Damit nicht genug. Die Staatsduma arbeitet nun an einem Gesetz, das regeln soll, wie sich Kulturschaffende, Staatsbeamte und verschiedene gesellschaftliche Gruppen künftig zu verhalten haben. Moskau erwägt zudem, wichtige Theaterhäuser zu überwachen. Nach der Krim annektiert Putin jetzt also auch die Kunst. Schon die Verurteilung und spätere Begnadigung der Pussy-Riot-Sängerinnen war eine Machtdemonstration des Kremlchefs. Jetzt hat, wie viele Kulturkritiker meinen, die Beschneidung der Kunstfreiheit in Russland eine neue Dimension erreicht.

Erstmals begehrt die Kulturelite des Landes geschlossen gegen Zensur auf. Der Filmregisseur Andrej Swjaginzew, dessen russlandkritischer Film „Levia­than“ vor kurzem in seiner Heimat wüst beschimpft wurde, zog den Vergleich zu „sowjetischen Säuberungen und einer öffentlichen Kritik an Andersdenkenden“. Beobachter fürchten, der Staat wolle Kino, Literatur und Theater so gleichschalten wie zuvor die Medien.

Deutsche Künstler protestieren

Auch in Deutschland wird Protest laut. Die Akademie der Künste Berlin fordert die Rücknahme der Entlassung des Intendanten Mesdritsch. Der Präsident Klaus Staeck sagte im Gespräch mit dieser Zeitung: „Es ist nicht das erste Unheil, das die russisch-orthodoxe Kirche im Bereich von Kunst und Kultur anrichtet. Es gehört zur Freiheit der Kunst, eine Oper verschieden zu interpretieren. Die Blasphemiekeule ist die falsche Antwort.“ Auch das Theatertreffen Berlin erklärt sich solidarisch mit den geschassten russischen Künstlern. Die Leiterin Yvonne Büdenhölzer sagte: „Wieder einmal erhebt sich die Macht von Kirche und Staat gegen die künstlerische Freiheit in Russland. Es zeigt sich fast schon eine Routine in den Angriffen gegen Künstler des Landes.“

Der Schweizer Theatermacher Milo Rau, in Deutschland bekannt für provokante politische Aufführungen wie „Breiviks Erklärung“, hält den Proteststurm der Gläubigen für inszeniert und einen Vorwand, um einen unliebsamen Intendanten loszuwerden. Einen ähnlichen Fall aus dem Jahr 2003 behandelte Rau in seinem Theaterprojekt „Die Moskauer Prozesse“ (2013). Die Ausstellung „Achtung! Religion!“ im Sacharow-Zentrum wurde damals von orthodoxen Christen gestürmt, der Kurator zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. „Im Zuge der Ukraine-Krise hat das Land auch auf kultureller Ebene die Läden komplett zugemacht“, sagte Rau. Er selbst bekommt seit seinen Moskauer Prozessen kein Visum für Russland mehr.

Für Ostersonntag ruft der Erzbischof von Nowosibirsk zu einer großen Demonstration gegen den Tannhäuser auf. Fernbleibende geißelt er schon vorab als Judas. Die orchestrierte Erregung erinnert an die Geschichte von Tannhäuser, der nach seiner Provokation beim Sängerwettstreit zur Pilgerfahrt verdammt wird. Die russische Kulturpolitik schreibt die Oper fort und versetzt Regisseure und Co. in die Büßerrolle des Tannhäusers. Passt das zum Ruf Russlands als großer Kulturnation?

Von Nina May

Martina Sulner 04.04.2015
Kultur „Rose Bernd“ am Schauspielhaus Hannover - Reise durch die innere Provinz
03.04.2015
Kultur Portugiesischer Filmemacher - Manoel de Oliveira mit 106 Jahren gestorben
02.04.2015