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17:37 30.05.2014
Von Stefan Stosch
Foto: Karlheinz Böhm bei der Eröffnung eines Ausbildungszentrums in Alem Ketema, Äthiopien.
Karlheinz Böhm bei der Eröffnung eines Ausbildungszentrums in Alem Ketema, Äthiopien. Quelle: Jörg Carstensen/dpa
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Gibt es etwas Wichtigeres für einen Schauspieler, als zu spielen? Besonders dann, wenn er es mit Erfolg tut? Für Karlheinz Böhm offenbar schon. Und deshalb ist nach ihm, der sich stets als Weltbürger verstand, heute in Addis Abeba ein „Karl Platz“ benannt, wo eine Böhm-Skulptur den Spaziergänger mit offenen Armen empfängt. Seinen Tod im Alter von 86 Jahren betrauern besonders die Äthiopier, denn der Hilfe für die Menschen in diesem Land hatte er die zweite Hälfte seines Lebens gewidmet.

Böhm, am 16. März 1928 in Darmstadt als Sohn des Dirigenten Karl Böhm und einer Sopranistin geboren, wollte ursprünglich Pianist werden, studierte dann aber Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte, bevor es ihn ans Burgtheater Wien und schließlich ins Kino zog. Berühmt wurde er in den Fünfzigern durch leichte bis seichte Unterhaltungsfilme. Besonders eine Rolle hatte es den nach heiler Welt süchtigen Deutschen angetan: Böhm war der Märchenkaiser Franz Joseph an der Seite von „Sissi“ alias Romy Schneider – und von da an gebucht auf junger Held.

Doch schon bald war klar, dass er sich nicht auf seinem Ruhm ausruhen würde. Böhm wollte raus aus dieser Schublade. Geradezu mutwillig zerstörte er seine Karriere, als er in Michael Powells „Peeping Tom“ (1960) die Rolle eines Serienmörders übernahm. In dem Thriller spielte er einen Kameramann, der Frauen filmt und dabei mit einem im Stativ eingebauten Messer tötet. Der letzte Blick des Opfers, gebannt auf Zelluloid.

Der aufrechte Kaiser Franz Joseph als perverser Spanner? Das war zu viel fürs deutsche Publikum. Heute gilt „Peeping Tom“ als früher Klassiker über den Zusammenhang von Voyeurismus und Tötungswunsch.

Böhm hatte längst andere Pläne: Er schloss einen Vertrag mit dem Studio MGM. Doch wie so vielen anderen brachte auch ihm der Wechsel nach Hollywood kein Glück. Schon Mitte der sechziger Jahre kehrte er nach Deutschland zurück. Und dann gelang ihm etwas, was vielen anderen Schauspielern seiner Generation nicht vergönnt war: Er fand Anschluss an den Neuen Deutschen Film – und drehte mit dessen Protagonisten Rainer Werner Fassbinder.

Mit dem Psychothriller „Martha“ machte Böhm Furore. Wieder gab er einen Sadisten – und Ehemann, der erfolgreich an der Zurichtung seiner Gattin (Margit Carstensen) arbeitete. Fassbinder hatte den Film als Attacke gegen die Mechanismen von Macht und Unterdrückung in der bürgerlichen Ehe angelegt, Böhm fungierte als kühler Vollstrecker des Regisseurs. Die beiden arbeiteten auch in „Faustrecht der Freiheit“ (1974) und „Mutter Küsters Fahrt zum Himmel“ (1975) zusammen.

Und dann? Dann machte Böhm wegen einer Atemkrankheit eine Kur in Kenia. Von einem Hotelangestellten ließ er sich den bedrückenden afrikanische Alltag jenseits der Absperrgitter zeigen. Dieser Anschauungs-Unterricht veränderte sein Leben: Er begann, sich für globalen Zusammenhänge zu interessieren. Und ging wieder aufs Ganze.

In Frank Elstners „Wetten, dass ...?“-Show wettete er 1981, dass nicht einmal jeder dritte Zuschauer eine Mark für notleidende Menschen in der Sahelzone spenden würde. Sollte er die Wette verlieren, wollte er selbst nach Afrika gehen. Er gewann die Wette zwar, flog aber trotzdem mit dem zusammengeflossenen Spendengeld von immerhin 1,2 Millionen Mark nach Äthiopien und gründete die Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“.

Die Schauspielerei hängte er an den Nagel. Von nun an lebte er mehrere Monate im Jahr in Äthiopien. In der deutschen Öffentlichkeit tauchte er auf, um weiteres Spendengeld einzutreiben. Seine Stiftung hat bis heute mehr als 300 Schulen, Dutzende Krankenstationen und Hunderte Wasserstellen gebaut. Das Jahresbudget beträgt rund 15 Millionen Euro.

Schon früh startete Böhm eine Kampagne gegen die Beschneidung von Mädchen. Seine grundlegende Erkenntnis: Die soziale Benachteiligung der Frauen ist entscheidend für die Armut Afrikas verantwortlich.

Vor einigen Jahren zog sich der Entwicklungshelfer aus der Leitung der Stiftung zurück. Seine aus Äthiopien stammende Frau Almaz, mit der er seit 1991 verheiratet war, übernahm die Arbeit, bis sie sich schließlich um ihren kranken Mann kümmern musste. Am Donnerstagabend ist Karlheinz Böhm in seinem Haus bei Salzburg gestorben. Mit ihm verliere die „Welt einen mutigen Visionär und unerbittlichen Kämpfer für Gerechtigkeit“, heißt es bei seiner Stiftung. Einen begnadeten Schauspieler hat die Welt auch verloren.

30.05.2014
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