Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Eine deutsche Instanz
Nachrichten Kultur Eine deutsche Instanz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:32 13.04.2015
Von Jutta Rinas
Günter Grass hat im Nachkriegsdeutschland polarisiert wie kein Zweiter. Quelle: dpa
Anzeige

„Mit einem Sack Nüsse
will ich begraben sein
und mit neuesten Zähnen.
Wenn es dann kracht,
wo ich liege,
kann vermutet werden:
Er ist das,
immer noch er.“

Günter Grass hat dieses Gedicht namens „Wegzehrung“ geschrieben. Trotzig – oder einfach selbstbewusst? Auf jeden Fall: bissig. So war er nun mal. Sein Schriftstellerkollege Hans Magnus Enzensberger hat einmal gesagt, er sei ein „Hai im Sardinentümpel“. Kürzer und prägnanter kann man wohl kaum beschreiben, was diesen Autor ausmachte.

Anzeige

Günter Grass hat im Nachkriegsdeutschland polarisiert wie kein Zweiter. Als Autor wie als politischer Mahner, als Willy-Brandt-Freund, Kernkraft- und Rüstungsgegner, Friedensstreiter. Es gab aber wohl auch keinen zweiten in der Riege der Schriftsteller, der so viele politische Debatten anschob, der so ein Gespür für Themen hatte, die nur darauf zu warten schienen, dass einer wie er sie anspricht.

Günter Grass schrieb Romane, Novellen, Gedichte und Dramen. Einige seiner Werke sind aus der jüngeren deutschen Literaturgeschichte nicht mehr wegzudenken – und sie zu kennen, gehört in seinem Heimatland zur guten Allgemeinbildung.

Am Montag ist Günter Grass, Autor der „Blechtrommel“ und deutscher Literaturnobelpreisträger nach Thomas Mann und Heinrich Böll, im Alter von 87 Jahren in einer Klinik in Lübeck gestorben.

Schon mit der „Blechtrommel“, seinem ersten Roman, gelingt Grass 1959 international der Durchbruch. Da ist er gerade mal 31 Jahre alt, lebt mit der Tänzerin Anna Schwarz in Paris, in bescheidensten Verhältnissen. Die Kritiker sehen in diesem Erstlingswerk eine deutsche Standortbestimmung, wie es sie vorher nie gegeben hat. Aber: Schon die „Blechtrommel“ polarisiert.

Als „Geniestreich“ würdigen die einen den millionenfach verkauften Bestseller, als barocken, sinnlichen Schelmenroman wie Grimmelshausens Simplicissimus. Die anderen stören sich genau an jener Sinnlichkeit. Sie empfinden sie als schmutzig, ja pornografisch. Mit Bezug auf Paragraf 184 des Strafgesetzbuches, der die Verbreitung und/oder Förderung von Pornografie unter Strafe stellt, verweigern Bremer Senatoren Grass 1960 für die „Blechtrommel“ einen Preis, den ihm eine Jury schon zugesprochen hatte. Es ist der erste Skandal  in einem an Skandalen reichen Leben.

Ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr Grass als Mensch und als Autor provoziert, ist die berühmte „Affäre Kipphardt“ 1971. Grass schreibt zu dieser Zeit wenig, engagiert sich stattdessen als Vorkämpfer der SPD. Er wirft dem renommierten Theaterautor Heinar Kipphardt vor, er habe mit einer Inszenierung eine Hexenjagd auf Karl Schiller oder Franz Josef Strauß anzetteln wollen, die kaum besser sei als rechtsradikale Parolen wie „Scheel und Brandt an die Wand“. Kipphardt verliert seinen Vertrag, der Schauspieler Vadim Glowna verprügelt Grass vor lauter Wut. Die Affäre endet damit, dass Schauspieler, Regisseure und Bühnenmitarbeiter bei einer Premiere in der Berliner Schaubühne einen denkwürdigen Text verlesen: „Das Kollektiv bezeugt seine Verachtung gegenüber dem hier anwesenden Günter Grass, der in der Manier eines bezahlten Mietlings der Münchner SPD-Spitze einen Schriftstellerkollegen in übelster Weise verleumdet hat.“

Grass selbst sieh sich vor allem als Erzähler. Er lässt seine Heimatstadt Danzig zu Literatur werden, seine Erinnerung in wunderbaren Figuren aufgehen: in der von Tulla Pokriefke, die in den frühen „Hundejahren“ und „Krebsgang“ eine Rolle spielt, im Deserteur Joachim Mahlke oder dem weltberühmten Zwerg Oskar Matzerath aus der „Blechtrommel“.

Der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Günter Grass ist im Alter von 87 Jahren gestorben.

Zugleich provoziert er mit seinen Büchern immer wieder extreme Reaktionen. „Der Butt“, „Die Rättin“, allesamt Bestseller beim internationalen Publikum, werden von deutschen Kritikern verrissen. Die literarischen Qualitäten seiner Werke, sein ganz eigener Personalstil, werden zudem immer wieder von seiner Rolle als politischer Mahner, überdeckt. Auch hier polarisiert er stark. Die Kumpel im niedersächsischen Kalibergbau, wo er nach amerikanischer Kriegsgefangenschaft 1946 zunächst landet, haben ihn die Sozialdemokratie lieben gelehrt.  1965, 1969 und 1972 geht er für die SPD auf Wahlkampftournee. 1992 tritt er aus Protest gegen die von den Sozialdemokraten getragene Asylpolitik wieder aus. Zwei Jahre zuvor hat er, der sich „gegebenenfalls zu den vaterlandslosen Gesellen zählt“, gegen die „Ruck-zuck-Einheit“ und das „Deutsche Einheitsgebot“ gewendet und statt dessen einer langsam zusammenwachsenden deutschen Kulturnation das Wort geredet.

Schatten fiel auf die moralische Instanz

Erst spät in seinem – literarischen – Leben fällt ein Schatten auf  die moralische Instanz Günter Grass. Hat er die enormen Konsequenzen nicht erahnt, als er in „Beim Häuten der Zwiebel“, erstmals öffentlich über seine Verwicklung in das Nazi-Regime schreibt: Der am 16. Oktober 1927 geborene Danziger war als 17-Jähriger in der Waffen-SS. 60 Jahre hat er darüber geschwiegen. Aus Scham? Anderen hat er ihre NS-Vergangenheit gerne und unversöhnlich vorgehalten. Die Debatte über seine eigene Glaubwürdigkeit aber empfindet er als  „Vernichtungsversuch“. Einen ganzen Gedichtband widmet er seinen verletzten Gefühlen.

Auch mit dem zutiefst problematischen, israelkritischen Gedicht „Was gesagt werden muss“ von 2012 lässt er es „noch einmal krachen“. Es zeugt von seiner Wirkungsmacht, dass er selbst mit der randständigsten aller literarischen Formen, dem Gedicht, einen internationalen Skandal auslösen kann und ein Einreiseverbot nach Israel kassiert.

Man kann seine Positionen kritisieren. Gespeist sind sie aber allesamt aus der fundamentalen Überzeugung: Wer Zeitgenosse ist, darf nicht schweigen. Nicht viele Schriftsteller wagten sich so oft und so weit wie Günter Grass in die Politik. Seine Widerständigkeit wird fehlen.

Kultur Reaktionen auf den Tod von Grass - „Trommle für ihn, kleiner Oskar“
13.04.2015
Kultur Zum Tod von Günter Grass - Abschied von einem Rastlosen
13.04.2015
Kultur The Prodigy in Hannover - Es werde Licht
Uwe Janssen 15.04.2015