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Kultur Auf dem Meer des Schreckens
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20:23 07.10.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Im Netz der Tradition: Das ägyptische Théâtre Al Ghad in „Nacht des Südens“.
Im Netz der Tradition: Das ägyptische Théâtre Al Ghad in „Nacht des Südens“. Quelle: Pavillon
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Hannover

Am linken Bühnenrand nesteln wechselnde Akteure an Tauen, die im Dutzend von der Decke herabhängen und im Laufe dieses Theaterabends zu einem immer raumgreifenderen Netz gespannt werden. Am rechten Rand surft ein Araber im Internet und schwelgt wortreich in Heimweh nach seiner dörflichen Enge - eine durchaus gebrochene Sehnsucht, ist er doch vor dieser Enge erst in die Fremde geflohen. Und zwischen dem traditionellen und dem digitalen Netz breitet „Nacht des Südens“ das ganze Elend archaischer patriarchaler Verhältnisse aus, eine düstere Melange aus Rückständigkeit und Unterdrückung. Frauen leiden darunter am meisten, nicht nur in Ägypten: Zwangsehe und Fremdbestimmung, Gebärzwang und sexuelle Verstümmelung - nichts spart die Truppe des ägyptischen Théâtre Al Ghad aus.

Deren Inszenierung ist ein passender Start für das Theatertreffen „Arabischer Frühling II“. Denn mit dem Untertitel „Aufbruch der Frauen“ und Inszenierungen aus sechs arabischen Ländern setzt es einen klar weiblichen Akzent für die Fortsetzung des ersten Treffens dieser Art vor zwei Jahren im Pavillon.

Doch herrscht 2014, anders als noch 2012, statt eines arabischen Frühlings nicht eher ein arabischer Herbst? Diesem Eindruck widerspricht bei der Auftaktveranstaltung Hannovers Kulturdezernentin: „Wir sehen kleine Frühlingsblüher“, erklärt Marlis Drevermann da unter Hinweis auf Entwicklungen in den palästinensischen und den kurdischen Gebieten. „Das sind Pflänzchen, die uns die Hoffnung geben, dass der Weg des Frühlings noch nicht zu Ende gegangen worden ist.“

Tja. Gewiss ist, dass 2012 viele Frauen in der arabischen Welt aufbegehrt haben. Davon zeugt jetzt auch die Ausstellung „Der Aufstand der Frauen in der Arabischen Welt“ im Pavillon. „Ich unterstütze den Aufstand der Frauen, weil ich mich entschieden habe zu leben, zu lieben und zu kämpfen“, bekennt da Jamina aus Tunesien im Rahmen einer Facebook-Kampagne, an der Tausende Araberinnen teilgenommen haben. Oft sind die auf Wandzeitungen im Pavillon-Foyer hängenden Bekenntnisse sehr persönlich und sehr mutig: Mariam aus dem Libanon erklärt, dass „die Entscheidung über das Kopftuch meine ist“, Ara aus Syrien wendet sich „gegen die sexuelle Gewalt meines Mannes“.

Doch wie lassen sich solche Erfahrungen auf der Bühne umsetzen? Bei „Nacht des Südens“ greift man zu alten dramaturgischen Kniffen, um die Themenflut zu bändigen: Da gruppiert sich die Truppe zu immer neuen Standbildern, die fast wie im griechischen Theaterchor die Ereignisse eher kommentieren als sie vorzuführen. Dem vermag freilich beim Auftakt am Montagabend nur schwer zu folgen, wer nicht des Arabischen mächtig ist, weil deutsche Übertitelung und arabische Dialoge schon nach wenigen Minuten sichtlich auseinanderlaufen. Doch ohnehin herrschen Monologe vor, die die Konflikte in blumigen Worten eher umschreiben, als sie offen auszusprechen: Da werden „Vorhänge des Schweigens“ beklagt, da trieft der „Speichel der Sehnsucht“, da segelt man auf dem „Meer des Schreckens“. Und da wird weibliches Sehnen als Wunsch einer Frau verbalisiert, dass ihre „Palme von ihm Früchte tragen“ möge ...

Nun ja. Das Théâtre Al Ghad richtet sich an ein ägyptisches Publikum, sexuelle Anspielungen können in der traditionelleren arabischen Gesellschaft schon mal zur schwülstigen Arabeske geraten. Das Theatertreffen im Pavillon bietet eben nicht nur Begegnungen mit der Lage der Frauen in der arabischen Welt, sondern eröffnet auch die Chance zur Auseinandersetzung mit anderen Sprachregelungen, Tabus und Sehweisen. Dazu besteht in den nächsten Tagen noch mehrfach Gelegenheit - mit Inszenierungen aus dem Irak, Tunesien, Palästina und aus Libyen.

Nächste Termine

„Film Schwarz und Weiß“: am Mittwoch, um 19 Uhr.

„Sindyana“: am Donnerstag, um 19.30 Uhr.

„Die Tage die mit der Nacht tanzen“: am Freitag, um 18 Uhr.

„Cappucino in Ramallah“: am Freitag, um 20 Uhr.

„Weg mit Shakespeare“: Sonnabend, um 17 Uhr.

Weitere Informationen gibt es hier

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