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Kultur Nacktheit und Gewalt machen noch keinen Skandal
Nachrichten Kultur Nacktheit und Gewalt machen noch keinen Skandal
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13:41 22.02.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Der Körper des Schauspielers ist Spielmaterial: Jürgen Goschs Inszenierung von „Wie es euch gefällt“ 2007 im Schauspielhaus Hannover. Quelle: Horn
Hannover

Der Tambourmajor macht Geräusche. Zuerst mit seinem Mund und seiner Stimme, danach mit seinem Geschlechtsteil. Zuerst schreitet er „Tsching-tsching, sassa-sassassa“ skandierend das Bühnenrund ab. Dann hebt er seinen Rock hoch, unter dem er nichts weiter trägt, und beginnt sein Becken in ruckartigen Bewegungen vor- und zurückzuschieben. Bis in die letzte Parkettreihe ist zu hören, wie sein Geschlecht dabei an Bauch und Oberschenkel klatscht. Es ist bizarr, aber auch irgendwie witzig, wie das „Tsching-tsching“, das zuerst aus seinem Mund kam, nun aus einer anderen Körperregion kommt. Aber: Sollte das eigentlich witzig sein?

Vielleicht wollte Regisseurin Heike Marianne Götze die Figur des Tambourmajors aus Büchners „Woyzeck“ der Lächerlichkeit preisgeben. Und vielleicht sind ihr subtilere Mittel dafür nicht eingefallen. Vielleicht wollte sie es auch nicht subtil, sondern direkt.

Nacktheit auf der Bühne wirkt immer sehr direkt. Nacktheit zielt auf Intimität und Nähe. Nacktheit steht auch für  Schutzlosigkeit und Hingabe. Deshalb mögen Theaterleute Nacktheit. Es ist längst nichts Besonderes mehr, wenn sich Schauspieler auf der Bühne ausziehen. Und auch so eine Genitalperkussion, wie sie dem Publikum bei der jüngsten „Woyzeck“-Premiere im Schauspielhaus geboten wurde, verstört die Zuschauer nicht so, dass sie aufstehen und türenschlagend das Theater verlassen.

Der Spießbürger, der sich über nackte Haut aufregen würde, ist nämlich gar nicht mehr da. Er hat sich längst von dieser Art von Theater verabschiedet. Und wahrscheinlich gibt es ihn auch gar nicht mehr. Der Spießbürger von heute ist ganz anders. Er stimmt für Micaela Schäfer im „Dschungelcamp“ und träumt vom Abo für den Swingerclub. Zu Nacktheit und Pornografie hat er ein eher entspanntes Verhältnis. Ihn verschreckt Theater mit Nackten nicht, ihn erreicht es überhaupt nicht. Und die anderen? Die fühlen sich vielleicht ein bisschen unterfordert. Die finden es langweilig, wenn sich auf der Bühne schon wieder jemand auszieht. Die kennen das auch schon von der Landesbühne. Die sehen statt Schutzlosigkeit nur wieder eine alte Regietheaterchiffre.

Jürgen Gosch hat vor fast sieben Jahren in Düsseldorf einen sehr wilden „Macbeth“ inszeniert. Sieben Schauspieler haben sich hier nackt in Schleim, Schlamm und Theaterblut gewälzt und damit viel vom Stück fühlbar gemacht. Einige Kritiker waren begeistert, andere schrieben vom „Blut-und-Hoden-Theater“. In Hannover hat sich Gosch zwei Jahre nach seinem Düsseldorfer „Macbeth“ mit „Wie es euch gefällt“ selbst zitiert. Nacktheit und Turnübungen im Matsch sind damals zu seinem Markenzeichen geworden. Ihm ging es stets um Intimität und Intensität; die mit Theaterblut beschmierten, ineinander verschlungenen, nackten Schauspielerkörper waren bei ihm auch ein Gegenbild zu den photoshopgeschönten Bildern von Halbnackten in der Werbung. Wer heute Nackte auf die Bühne bringt und sie mit Flüssigkeiten herumsauen lässt (wie Heike Marianne Götze, die „Woyzeck“-Regisseurin), zitiert auch immer Jürgen Gosch. Das ist zwar möglich, aber nicht immer zwingend und auch nicht immer originell.

In Bremen zeigt das Schauspielhaus gerade „AltArmArbeitslos“, eine Adaption der Bremer Stadtmusikanten von Volker Lösch. Darin berichten echte Arbeitslose anrührend von ihrer Situation. Und auch einige der mitwirkenden Schauspieler erzählen auf der Bühne ganz offen, wie es so ist, als Schauspieler zu arbeiten und auch von Arbeitslosigkeit bedroht zu sein. Einer erklärt dabei auch die Nacktheit aus Schauspielerperspektive: „Was ich richtig gut kann, ist mich ausziehen. Das biete ich eigentlich immer an. Wenn mir nichts einfällt auf ’ner Probe, zieh’ ich mich halt aus. Ratzfatz, da hab ich überhaupt keine Hemmungen. Tanzen kann ich auch super, also nicht so wie in der Tanzstunde, sondern mehr Freestyle. Finden die meisten Regisseure gut. Vor allem die jungen. Und um die gehts ja. Wenn du von denen nicht besetzt wirst, hast du ein Problem.“

Da hat das Theater mal eine Wahrheit über das Theater verraten. Es ist ein Geschäft, bei dem nicht nur Schauspieler wichtige Rollen spielen, sondern auch Moden. Ein Schauspieler, der eingesetzt werden will, muss zusehen, dass er dem Zeitgeschmack entspricht und den jungen Regisseuren gefällt. Wer zickt und sich ziert und sich weigert, seinen nackten Körper zur Schau zu stellen, könnte Probleme bekommen im Geschäft. Diese Wahrheit über sich selbst gibt das Theater nicht gern preis. Aber manchmal eben doch.

Das Theater braucht öffentliche Beachtung. Da kann ein Theaterskandal hilfreich sein. Aber den gibt es bei der hannoverschen „Woyzeck“-Inszenierung nicht. Dass einige 17- bis 18-jährige Schüler, die bei den Proben anwesend waren, vor der Premiere von Vergewaltigungsszenen berichteten (die gibt es, da haben sie Recht), war am Aufführungstag zwar Gesprächsthema im Parkett, führte aber weiter zu keinen nennenswerten Reaktionen. Am Ende gab’s freundlichen Applaus wie eigentlich immer.

Dass der arme Woyzeck vorm Hauptmann die Hosen runterlassen und onanieren muss, dass der nackte Schauspieler sich bücken und so tun muss, als würde ihn der Lauf eines Revolvers penetrieren, wird achselzuckend hingenommen. Warum auch nicht? Es ist schließlich das gute alte Als-Ob-Theater. Das darf selbstverständlich von Gewalt erzählen. Darstellung von Gewalt gehört zum Schauspiel wie Gesang zur Oper. Skandalös ist die Darstellung von Gewalt und das Präsentieren nackter Tatsachen auf der Bühne nicht. Es ist üblich.

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