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Kultur Nahostkonflikt als Comic
Nachrichten Kultur Nahostkonflikt als Comic
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11:51 12.05.2012
Von Daniel Alexander Schacht
Rätselhaftes Land: „Israel verstehen – in 60 Tagen oder weniger“ von Sarah Glidden.
Rätselhaftes Land: „Israel verstehen – in 60 Tagen oder weniger“ von Sarah Glidden. Quelle: Handout
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Aaah“, seufzt Guy Delisle beim Blick aufs Meer. „Keine Kippas, keine verschleierten Frauen, keine Ultras.“ Und seine Frau Nadège ergänzt ganz entspannt: „Das ist eine andere Welt.“ In der Tat. Das Paar flieht mit seinen Kindern, sooft es geht, an den Strand der liberalen Weltstadt Tel Aviv - heraus aus Jerusalem, wo der Kampf von Religionen, Traditionen und nicht zuletzt Nationen allem und allen den Stempel aufdrückt.

Die Wanderungen seiner Familie zwischen den Welten lässt der Comiczeichner in seinem jüngsten Werk sinnlich werden - in der preisgekrönten Graphic Novel „Aufzeichnungen aus Jerusalem“. Was er in der Heiligen Stadt dreier Weltreligionen aufzeichnet, sind tatsächlich Bilder aus einer anderen Welt. Ob muslimische, christliche oder jüdische Fundamentalisten, israelische Checkpoints oder palästinensische Steinewerfer: Delisles Zeichnungen leben von genauer Beobachtung. Dazu hatte der 46-jährige Frankokanadier an der Seite seiner Frau, die für Ärzte ohne Grenzen in Ostjerusalem arbeitete, ausgiebig Gelegenheit - so wie zuvor schon bei den Recherchen für seine Graphic Novels aus China und Nordkorea.

Doch in Nahost kann nicht jeder einfach so zwischen den Welten wandern. Die Chance dazu hat der Palästinenser Mahmoud Abu Srour, der in einem Flüchtlingslager bei Bethlehem lebt, ebenso wenig wie die Amerikanerin Sarah Glidden. Denn sie sind jeweils Gefangene ihrer eigenen Welten. Palästinenser kommen nur mit einer Sondererlaubnis legal nach Israel. Und Amerikanerinnen haben es im Endeffekt nicht viel leichter. Sie könnten zwar umstandslos nach Israel gelangen und prinzipiell auch in die Palästinensergebiete - aber nur, wenn sie Israel nicht wie die Comiczeichnerin Sarah Glidden mit „Birthright“ erkunden. Denn diese US-Organisation zeichnet ein helles Bild Israels, sie will amerikanische Juden mit der jüdischen Tradition vertraut machen, nicht zuletzt mit ihrem „Geburtsrecht“ auf Einwanderung ins „Land der Väter“. „Ich wusste, dass ich kein ausgewogenes Bild des Konflikts dargeboten bekommen würde“, räumt die 32-Jährige ein, „aber ich war doch überrascht, wie links und Israel-kritisch die Birthright-Mitarbeiter dort waren.“

Abu Srours Schicksal hat Maximilien Le Roy in seiner Graphic Novel „Die Mauer“ aufgezeichnet, Sarah Glidden hat in ihrer ersten Graphic Novel „Israel verstehen“, für die sie einen Comic-Nachwuchspreis bekam, ihren eigenen „Birthright“-Trip verarbeitet. Beide Bildbände sind erhellend - weil sie dokumentieren, wie stark Mauer und Stacheldraht, vor allem aber ein Geflecht aus Vorurteilen, falscher Rücksichtnahme und Lebenslügen den Blick verstellen.

Mahmoud Abu Srour rechnet aus lauter Verzweiflung palästinensischen Terrorismus gegen Holocaust, Vietnam oder Guantanamo auf - als könnte eine Untat die andere rechtfertigen. Und er greift die auch in Deutschland verbreitete Legende auf, erst der Holocaust habe die Existenz Israels bewirkt - tatsächlich wurden die Grundlagen des jüdischen Staates viel früher geschaffen.

Auch solche Geschichtsklitterung führt Maximilien Le Roy auf diese Weise eindrucksvoll vor Augen. Der 27-Jährige, der sich bereits mit „Gaza, ein Stein im Meer“ zeichnerisch der Lage der Palästinenser gewidmet hat, erhielt für sein Werk 2011 den Spezialpreis bei Europas wichtigstem Comic-Festival im französischen Angoulême. „Die Mauer“ ist zweifellos künstlerisch am anspruchsvollsten. Neben teils fotorealistischen Zeichnungen entwirft der gebürtige Pariser surreale Traumsequenzen in Aquarelltechnik und fügt auch noch ein Fotoalbum des realen Mahmoud Abu Srour sowie ein Interview mit dem französischen Nahostexperten Alain Gresh an. Sarah Glidden ist dagegen nicht nur zeichnerisch konventionell, sie vermag auch den von „Birthright“ gesetzten Horizont nicht zu überschreiten. Obwohl sie sich sehr um einen regierungskritischen Blickwinkel bemüht, muss sie am Ende selbstkritisch feststellen, dass ihr kein Brückenschlag nach „drüben“ gelingt, in die Welt jenseits von Checkpoints und Sperranlagen.

Beide Welten erkundet dagegen der Grenzgänger Delisle. Er bietet tiefe Einblicke in die Widersprüche jüdischer und muslimischer, israelischer und arabischer Lebenswelten: Er zeigt die Muslima, die im Supermarkt der Siedler einkauft, Siedler, die von Palästinensern ihre Autos reparieren lassen, Zivilisten mit Kinderwagen und Maschinengewehr beim friedlichen Stadtbummel oder sturzbetrunkene Schläfenlockenträger in Mea Shearim, Jerusalems Viertel der Ultraorthodoxen. Vor allem aber schildert er die Absurditäten des Konflikts, ohne ihn auf eine Generalformel mit schlichter Schuldzuweisung zu reduzieren. Kein Wunder, dass sein Buch in Angoulême als bester Comic von 2012 ausgezeichnet wurde. In der Comic-Pilgerstätte in Südwestfrankreich kreuzen sich übrigens die Wege aller drei Autoren - derzeit ist Sarah Glidden in Angoulême „Artist in Residence“.

Guy Delisle: „Aufzeichnungen aus Jerusalem“. Reprodukt. 336 Seiten, 29 Euro.

Maximilien Le Roy: „Die Mauer. Bericht aus Palästina“. Edition Moderne. 104 Seiten, 19,80 Euro.

Sarah Glidden: „Israel verstehen - in 60 Tagen oder weniger“. Panini Comics. 212 Seiten, 24,95 Euro.

Stefan Arndt 14.05.2012
11.05.2012