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Kultur „Nathan der Weise“ im Theater für Niedersachsen
Nachrichten Kultur „Nathan der Weise“ im Theater für Niedersachsen
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02:17 04.06.2018
Versöhnlicher Moment: Am Theater für Niedersachsen rückt der Tempelherr (Nikolaus Koch, Mitte) ins Zentrum der Inszenierung.
Versöhnlicher Moment: Am Theater für Niedersachsen rückt der Tempelherr (Nikolaus Koch, Mitte) ins Zentrum der Inszenierung. Quelle: Falk von Traubenberg
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Hildesheim

Am Ende liegen sich alle in den Armen. „Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang“, heißt es in der letzten Regieanweisung. In dieser Schlussszene hat Gotthold Ephraim Lessing in dem Schauspiel „Nathan der Weise“ sein szenisches Plädoyer für Toleranz zu einem bewegenden Höhepunkt getrieben: Ob Juden, Christen oder Muslime – niemand kann die Wahrheit für sich allein beanspruchen. Es kommt drauf an, was man draus macht. Alle Vertreter der drei Weltreligionen sind – im Stück und in der Geschichte – irgendwie miteinander verwandt und haben schon deshalb keinen Grund, sich die Köpfe einzuschlagen.

Das Theater für Niedersachsen spielt Lessimgs „Nathan der Weise“

In der Realität tun sie es aber – in der Zeit der Kreuzzüge, in der Nathans „Lessing“ spielt, und in der Gegenwart bekanntlich auch. Vor allem am Handlungsort des Stückes: in Jerusalem. Die Vision von der friedlichen Koexistenz der drei großen Religionen ist also auch 220 Jahre nach der Entstehung des Stückes nur eine schöne Utopie.

Das Theater für Niedersachsen lässt das reale Umfeld in seiner Inszenierung durchscheinen – wenn auch nur ganz am Schluss. Auch im Stadttheater Hildesheim liegen sich alle in den Armen. Aber den dramatischen Schlusspunkt setzt erst eine Maschinengewehrsalve, die wie aus heiterem Himmel über die Bühne fegt und alle so harmonisch vereinten Protagonisten niedermäht. Ein Ende mit Schrecken.

Was vorher geschieht, orientiert sich am Stück. Nur weiße Plastikstühle schmücken die von einer Art Zaun hermetisch abgeriegelte Bühne, und bei der Klärung der Verwandtschaftsverhältnisse werden auch Fotos zu Hilfe genommen. Trotzdem bleibt es ein Klassiker zum Wiedererkennen. Regisseurin Bettina Rehm hat das Stück zwar behutsam in die Gegenwart verlegt und erfrischend verknappt, den Stückverlauf und die kunstvolle Sprache aber übernommen.

Gleichwohl gelingt es ihr, aus dem aufklärerischen Ideendrama die menschlichen Konflikte herauszuarbeiten. Hier ist eben nicht alles mit der berühmten Ringparabel gesagt, hier verkörpern die Figuren nicht einfach nur Ideen, hier sind Menschen in existenziellen Zerreißproben zu erleben. Auf diese Weise rückt vielleicht stärker noch als Nathan (überzeugend gespielt von Martin Schwarzengräber) der junge Tempelherr Curd in den Mittelpunkt.

Die Inszenierung zeigt wunderbar, wie dieser junge Mann zwischen die Fronten gerät und von inneren Konflikten geschüttelt wird. Als Kreuzritter nach Jerusalem gekommen, um das heilige Land von „Ungläubigen“ zu befreien, wird er nach seiner Gefangenennahme nur durch die Gnade eines Muslimen vor der Enthauptung bewahrt, rettet eine vermeintliche Jüdin aus dem Feuer, weist entnervt die Dankbarkeit des jüdischen Vaters zurück, wird später von diesem selbst zurückgewiesen und ahnt, dass es in seiner Familiengeschichte manche dunkle Flecken gibt. Moritz Nikolaus Koch, in schwarzer Kapuzenjacke und kurzen Hosen, hat etwas von einem aufgewühlten Teenager. Dieser Tempelherr ist in seiner Verwirrung und Gekränktheit ruppig, schroff und aufbrausend, dann aber auch wieder rührend bewegt – und natürlich bis über beide Ohren verliebt.

Auf diese Weise bietet sich dieser Curd als Identifikationsfigur für die Jugendlichen an, die mehr oder weniger gezwungen sind, sich das Lessing-Stück anzusehen. Denn der Toleranz- Klassiker ist – mit gutem Grund – Pflichtlektüre für den Abiturjahrgang 2019. Und das Konzept scheint aufzugehen: Von den knapp hundert Schülern war in der Premiere kein Mucks zu hören. Gebannt verfolgten die jungen Leute ein Drama aus einer lange zurückliegenden Zeit, das offenbar nicht nur aufgrund seiner idealistischen Botschaft zu ihnen sprach. Dazu tragen auch die übrigen Darsteller bei, denen es ebenfalls gelingt, die Lessing-Figuren von bildungsbürgerlicher Erstarrung zu befreien und lebendig werden zu lassen. Viel Applaus.

Nächste Vorstellungen in Hildesheim, jeweils um 19.30 Uhr sind am 19. und 29. 6. Außerdem ist eine Wiederaufnahme für den 22. September. Am Staatstheater Hannover wird gerade „Nathan der Weise“ geprobt. Premiere der Inszenierung des kroatischen Theatermachers Oliver Frljić ist am 2. September.

Von Heinrich Thies