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Kultur Ned Beauman liest aus „Flieg, Hitler, flieg!“
Nachrichten Kultur Ned Beauman liest aus „Flieg, Hitler, flieg!“
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10:51 03.11.2010
Von Marina Kormbaki
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Zu den nachhaltigsten Auswirkungen des deutschen Angriffskrieges auf England zählt wohl die bräunliche Trübung des britischen Humors. Wann immer die Rede von den Deutschen ist, wirft der sonst so subtile Inselhumor jedes Understatement über Bord. Dann müssen nur solch lautmalerisch strammstehende Wörter wie „Blitzkrieg“ und „Achtung!“ fallen, und der Brite ist very amused. Kaum eine Episode illustriert den sonderbar arglosen britischen Blick auf die Vergangenheit besser als jener Partybesuch Prinz Harrys im Rommel-Kostüm mit Hakenkreuzbinde.

„Nazis gelten in Großbritannien nicht mehr als historische Realität“, sagt der britische Schriftsteller Ned Beauman im Literarischen Salon. „Sie sind bloß ein Bündel von Witzen und Klischees.“ „Flieg, Hitler, flieg!“, so heißt Beaumans irrwitziges Debüt über einen Computernerd namens Fishy, der Nazi-Devotionalien sammelt. Fishy fällt ein Brief Adolf Hitlers in die Hände, adressiert an einen Herrn Philip Erskine, was den Leser auf eine zweite Zeitebene des Romans versetzt: ins London der dreißiger Jahre, wo der missproportionierte, trunksüchtige Boxer „Sinner“ Erfolge feiert – und die Faszination des Hobbywissenschaftlers Erskine auf sich zieht.

Im Salon stellt sich Beauman, 25 Jahre alt, die Frage, ob man als Nachgeborener die moralische Fähigkeit aufbringen kann, das Grauen unleugbarer historischer Tatsachen wie der nationalsozialistischen Verbrechen zu erfassen. Um diese Moralkompetenz geht es Beauman, der Nationalsozialismus ist ihm da Mittel zum Zweck. Er greift sich ein, zwei historische Fakten und verquirlt sie mit allerlei skurriler Fiktion zu einer von der geschichtlichen Wirklichkeit losgelösten Erzählung. So tut es Beauman seinem Romanhelden, dem Nazi-Nippes-Sammler Fishy, gleich: Fakten und Memorabilia ändern ihre ursprüngliche Bedeutung. Ja, sagt Beauman, moralisch einwandfrei sei sein Vorgehen nicht. Aber die Lücke zwischen Fakten und Fiktion, in der sich sein Roman mit Leichtigkeit bewegt, erst diese Lücke ermögliche ihm eine auf behutsame Weise komische Annäherung an die Vergangenheit.

Am kommenden Montag, dem 08.11., sind die Soziologen Sighard Neckel und Claudia Czingon im Literarischen Salon zu Gast.

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