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Kultur Neue Arbeiten von Moritz Götze im Mendini-Gebäude zu sehen
Nachrichten Kultur Neue Arbeiten von Moritz Götze im Mendini-Gebäude zu sehen
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16:13 13.08.2010
Moritz Götze
Eine Stadt bekennt Farbe, macht sich auch ein bisschen klein: Moritz Götzes "Sommer", Ölbild aus diesem Jahr. Quelle: Martin Steiner
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Sich seiner Haut zu wehren, das hat der junge Moritz Götze schon in der DDR gelernt, wo er 1964 in Halle an der Saale geboren wurde. Und wo er als Jugendlicher eigensinnig seinen Weg suchte und als Punkmusiker und Maler dem SED-Staat schnell suspekt wurde. Als er mit 20 Jahren einen Ausreiseantrag in den Westen stellte, ließ man ihn trotzdem nicht gehen. Aber Götze sah darin keinen Grund zur Verzweiflung. Für den Sohn eines Malers war die Kunst so etwas wie das Paradies, aus dem er nicht vertrieben werden konnte.

Das hat sich bis heute nicht geändert. Nach der Wende gewann dieses Paradies allerdings an Konturen. Götze hat inzwischen als Maler und Grafiker eine so ausgeprägte Handschrift entwickelt, dass seine vom Stil westlicher Comics beeinflussten Bilder einen hohen Wiedererkennungswert haben, der von den Liebhabern und Sammlern seiner Werke außerordentlich geschätzt wird.

Überzeugt von den Bildern des Künstlers sind bis heute auch Ursula Sandmann und Christiane Rischbieter, seitdem sie diese zum ersten Mal gesehen haben. Das war in den frühen neunziger Jahren. Damals besaßen sie noch ihre hannoversche Galerie im Kubus, wo sie die Werke des Künstlers dreimal in Einzelausstellungen zeigten.

Nun präsentieren sie erneut Bilder von Moritz Götze in einem für die Dauer der Schau angemieteten Raum im Mendini-Gebäude in der Langen Laube. Zu sehen sind Werke aus den vergangenen drei Jahren. Der Künstler schlüpft in ihnen wiederholt in die Rolle eines modernen Historienmalers. Als solcher hat er schon im vergangenen Jahr von sich reden gemacht, als das Museum Junge Kunst in Frankfurt/Oder seine „Preußenbilder“ ausstellte.

Aus der Serie gibt es in Hannover das imponierende Porträt des Generalfeldmarschalls von Moltke zu sehen, der die Trümmer des Kriegs von 1870/71 be­seitigt. Er tut das in der Rolle eines Parkbediensteten aus unserer Zeit, der mithilfe eines Laubbläsers Ordnung schafft. Seinem pathetischen Bild in der Geschichte, wie es der Maler Anton von Werner zeichnete, stellt Götze einen nüchternen Pragmatiker gegenüber, von dem in passender Weise die legendären Worte überliefert sind: „Erst wägen, dann wagen!“

Ebenfalls aus dieser Serie stammt das zauberhafte Porträt der Prinzessin Louise von Preußen, der Götze einen ganzen Flügelaltar gewidmet hat. Gebaut hat er ihn aus mit Emaillemalerei bedecktem Stahlblech. Öffnet man den Altar, sieht man auf seinem rechten Flügel, wie die Prinzessin an Wilhelm II. einen Brief schreibt, in dem sie sich für seine Fürsorge bedankt und den der König dann auf dem linken Flügel aus dem Kuvert holt, um ihn zu lesen. In der Mitte präsentiert der Autografensammler Götze just diesen, in akkurater Handschrift und französischer Sprache verfassten Originalbrief, dem er mit seinem Werk einen prächtigen Schrein geschaffen hat.

Die Emaillemalerei auf Stahlblech ist ein weiterer wichtiger Zug der Kunst von Moritz Götze. Sie erlaubt ihm, das strenge, rechtwinkelige Format des Bildes zu verlassen, was seiner erzählenden Phantasie sehr entgegenkommt. Er schneidet dabei seine Sujets aus und malt direkt auf das Motiv, um die Farbe danach bei 800 Grad brennen zu lassen und sie so zu konservieren. Schön sind auch seine prächtigen Barockvasen in Emaille­malerei, zu denen er sich von ihren realen Vorbildern im Großen Garten in Herrenhausen hat anregen lassen. Oder sein Figurentheater aus sechs Mädchen, zwei von ihnen aus der Rokokozeit mit Pompadour-Frisuren, die anderen aus dem Hier und Heute.

Götze nutzt ihre Kleider als Malfläche für ein zweites Motiv. So erzählt er gewissermaßen doppelt. Zum Beispiel die Geschichte vom Tod und dem Mädchen. Oder davon, wie beliebt das Motiv des jungen Paares am Strand in der DDR-Malerei war. Oder er komponiert ein zeitgenössisches Stillleben aus Geld, Gold, Öl und Immobilien auf ein Kleid und überschreibt das Ensemble ironisch mit: „Alles, was bewegt.“

Als eine Hommage an Hannover hat der Künstler zwei großformatige Stadtbilder in Öl gemalt. In den für ihn typischen, die Bildfläche betonenden Umrisslinien und in klaren, leuchtenden Farben zeigen sich auf ihnen die Wahrzeichen der Landeshauptstadt wie in einem Märchenbuch.

Nicht weniger typisch sind ihre Formatverschiebungen. Auf dem einen Bild spaziert ein ins Riesenhafte projizierter junger Mann mit einem Hund zwischen Laves-Oper, Mendini-Gebäude und Anzeiger-Hochhaus wie im Legoland herum, und auf dem anderen Bild hat sich eine junge Frau das Neue Rathaus, das Denkmal von Ernst August sowie den Maschsee spielerisch unterworfen.

Die Dinge unter Kontrolle behalten durch klare Regie und konsequenten Optimismus, das ist die Strategie des Künstlers. In spielerischer Weise „die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks“ (Hamlet) abzuschütteln, so gut es geht. Sich mittels der Kunst seiner Haut zu wehren. Darauf deutet auch der Titel der Ausstellung, „Frohe Zukunft“, der alles andere als nur ironisch zu lesen ist. Er ist zugleich Programm und Prophylaxe. In einer Zeit, in der Scheitern und Schwermut zur Regel geworden sind, verstehen sich Moritz Götzes fröhliche Bilder als eine Art Gegenutopie zur Depression und zum allgemeinen Defätismus dieser Jahre.

Moritz Götze, „Frohe Zukunft“, bis 3. September, montags bis freitags von 10 bis 17 Uhr, Hannover, Lange Laube 8.

Michael Stöber