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Kultur Neue CD der Toten Hosen
Nachrichten Kultur Neue CD der Toten Hosen
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18:23 04.05.2012
Von Uwe Janssen
Foto: Von Establishmenterschreckern zu Volkssängern: Campino von den Toten Hosen.
Von Establishmenterschreckern zu Volkssängern: Campino von den Toten Hosen. Quelle: dpa
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Hannover

Wann ist der beste Zeitpunkt zum Aufhören? Campino muss diese Frage seit geraumer Zeit immer dann beantworten, wenn seine Band, die Toten Hosen, ein neues Album herausbringt. Er antwortet auch gern, er antwortet ja schon mit seinen Liedern. Befindlichkeitsbelege einer Band, die seit ihrer Gründung den deutschen Punkt vertritt, und das sind in diesem Jahr runde 30 Jahre. Er wähne sich mit seiner Kapelle weit in der zweiten Halbzeit, hat Fußballfreund Campino gerade laut sinniert. Und ein Leben ohne die Toten Hosen kann er sich auch gut vorstellen. Die Zeit der Milde ist gekommen. Da verträgt man sich sogar mit den „Ärzten“, mit denen man jahrelang eine öffentlichkeitswirksame Fehde ausgetragen hat. Mittlerweile schickt man sich gegenseitig die neuen Songs zu. Da sind also gerade wieder zwei dicke Pakete ausgetauscht worden. Die Ärzte sonnen sich mit dem Album „auch“ bereits an der Chartsspitze, die Hosen werden jetzt mit „Ballast der Republik“ versuchen, ihre Berliner Kollegen zu verdrängen. So viel Konkurrenz darf dann doch noch sein.

Besonders dürfte den Ärzten die Bonus-CD „Die Geister, die wir riefen“ gefallen, auf der Campino und seine Mannen zur Feier des Jahres Coverversionen aufgenommen haben. Neben „Rock me Amadeus“ oder zwei Songs, die man mit Hannes Wader verbindet („Moorsoldaten“, „Heute hier, morgen dort“) ist auch die bitterböse Nazibeschimpfung „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten dabei. Eine Verbeugung vor den eigenen Helden und Heldenliedern, das passt prima zu den Jubilaren, die von Establishmenterschreckern zu Volkssängern geworden sind und selbst zu Bewunderten. Mittlerweile bedienen sie ihre Fans live zweigleisig. In Stadien- und Wohnzimmerkonzerten, für die man sich bewerben kann, Feuerwehrhaus oder Garage geht auch. Hauptsache, nah am Volk, wo der Beweis geführt wird, dass es nicht um die Masse und die Kasse geht, sondern um die Musik.

Die Songs bewegen sich zwischen Selbstreflexion („Traurig einen Sommer lang“), Gesellschaftskritik („Ballast der Republik“) und den Schwierigkeiten der Liebe („Drei Worte“). Und die Stadionhymne „Tage wie diese“, die seit einigen Wochen schon in den Fankurven der Fußballarenen zu Hause ist, deutet zweierlei an: Großes Publikum bleibt im Blick, und Punk muss es schon längst nicht mehr sein. Eine Echogitarre wie bei Marillion macht sich im Formatradio auch gut. Weniger Chancen hat dort ein Song wie „Europa“, an dem mal wieder deutlich wird, wie schwer es ist, eine politische Anklage in drei Minuten Unterhaltungsmusik zu verstauen. In diesem Fall bekommt man aus der Abteilung „Was wohl mal gesagt werden musste“ recht direkte Sätze zur Flüchtlingsproblematik im Mittelmeerraum entgegengeschleudert, was in dieser Form wirklich keiner braucht. Der Rest ist wieder mal große Werbung für einen Besuch eines Hosen-Konzerts. Party und so. Vielleicht bei „Rock am Ring“. Vielleicht im Feuerwehrgerätehaus nebenan. Vielleicht sind ja sogar die Ärzte da.

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