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Kultur Neue CD von Herbert Grönemeyer
Nachrichten Kultur Neue CD von Herbert Grönemeyer
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19:24 19.10.2012
Von Uwe Janssen
International: Herbert Grönemeyer. dpa
International: Herbert Grönemeyer. Quelle: dpa
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Hannover

Herbert Grönemeyer versteht es, sich rar zu machen. Wenn er gerade nichts veröffentlicht oder auf Tournee ist, sieht und hört man wenig von ihm. Eine Klatschspaltenfigur war er nie, und sich immer mal wieder zur Lage der Nation zu äußern, ist auch nicht seine Sache. Wenn Grönemeyer aber künstlerisch tätig ist, dann hört die Republik hin, dann kommt man nicht um ihn herum. Er ist der wichtigste deutsche Popsänger der vergangenen zwei Jahrzehnte, und er wird es vermutlich auch noch eine Weile bleiben.

Die Zyklen seiner Alben und Tourneen sind sorgfältig gewählt, auf das epochale „Mensch“ im Jahr 2002 folgten bis heute ganze zwei Studioalben, „12“ im Jahr 2007 und im vergangenen Jahr „Schiffsverkehr“. Und so ist es ganz untypisch, dass der mittlerweile 56-Jährige nun schon wieder mit Neuigkeiten kommt. Allerdings ohne das übliche PR-Getöse, sondern eher durch die Hintertür. „I walk“ heißt die Zusammenstellung, und der Titel lässt erahnen, dass es sich hier mal wieder um den englisch singenden Grönemeyer dreht und er es mit dem Album vor allem auf den Markt seiner Wahlheimat Großbritannien abgesehen hat.

Dass in Deutschland so gar nicht getrommelt wird, verwundert trotzdem. Schließlich hat der Mann hierzulande Millionen Fans, die „I walk“ schon der Vollständigkeit halber neben „What’s all this“ (1998) und den komplett englisch aufgenommenen Alben „Luxus“ und „Chaos“ einsortieren wollen.

Mehr als eine Ergänzung ist es allerdings auch nicht. Wer das Lied „Mensch“ in der deutschen Fassung kennt und mag, empfindet die englische Version als falsch oder nachgesungen und den Text als putzig, obwohl die Übersetzung der pathetisch-poetischen Refrainzeilen recht gelungen ist. „A man’s called man / cause we forgive and understand / we forget and we deny / we lose and still we try / cause we love / cause we live“ - und dann heißt es zum Schluss „I miss you“, eine schlimme Lovesongphrase von der Michael-Bolton-Stange, nicht zu vergleichen mit dem maßgeschneiderten, großen „Du fehlst“, dem immer das unausgesprochene „an allen Ecken und Enden“ nachhallte und dem Lied eine würdevolle Wucht verlieh.

Für den englischen Titel des Songs gilt dabei eine Zeile aus dem deutschen Text: „Mensch“ bleibt „Mensch“. Gleich zweimal ist das Lied auf dem Album, in der zweiten Version als Duett mit Bono, der stimmlich noch mal eine Schippe Weltschmerz drauflegt. Die beiden haben den Song bei einem Konzert am Rande des G8-Gipfels in Heiligendamm 2007 zusammen gesungen. Damals brach sich Bono an der deutschen Version die Zunge. Jetzt wird in seiner Sprache gesungen, in der Grönemeyer sich sogar für deutsche Ohren leicht als Nichtmuttersprachler erkennen lässt. Insofern sind die beiden Freunde großer Worte nun quitt.

Zwischen den beiden „Mensch“-Versionen zu Beginn und Ende des Albums finden sich elf Songs, unter anderem zwei weitere Duette (mit James Dean Bradfield von den Manic Street Preachers und Antony Hegarty von Antony & The Johnsons). Drei Lieder sind extra für dieses Projekt geschrieben. Alle anderen sind englische Adaptionen bereits auf Deutsch erschienener Titel. Aus „Flugzeuge in meinem Bauch“ werden „Airplanes in my Head“, was das Gefühlschaos in ein Gedankenchaos wandelt, aber vielleicht werden in England ja auch die wichtigen Beziehungsspiele im Kopf entschieden

Manchmal entfernt sich Grönemeyer komplett von der Wortvorlage (aus „Deine Zeit“ wird „Before the Morning“). Das macht das Hören leichter, weil man vom Vergleichen wegkommt. Und manchmal hört man, wie es eben so ist bei englischsprachigen Texten, nicht so genau hin, sondern nimmt die Stimme als Instrument wahr. Aber dafür braucht man keinen Grönemeyer.

19.10.2012
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