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21:54 18.11.2015
Von Stefan Arndt
Singen und spielen: Der Mädchenchor Hannover bei den Aufnahmen zu Brittens „Children’s Crusade“. Quelle: Thomas
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Hannover

Es ist eine grausame, graue Musik. Wie in Pablo Picassos berühmten „Guernica“-Gemälde, aus dem angesichts der Kriegsgräuel, die es beschreibt, alle Farbe gewichen ist, tönt auch Benjamin Brittens „Children’s Crusade“ fürchterlich fahl und äschern. Das riesige Schlagzeugensemble, das hier begleitet, rauscht hoffnunglos lärmend durch die Stille wie Sturm über ödes Land. In seiner Vertonung von Brechts 1941 veröffentlichter Ballade „Kinderkreuzzug“ bringt Britten die Schatten einer sinnlos gewordenen Musik zum Klingen. Das Erschreckendste an dieser erschreckenden Musik ist jedoch, wie gegenwärtig sie heute erscheint: Brecht und Britten schildern, wie eine Gruppe von Kindern, die ihre Familie verloren haben, durch die kriegszerstörte Landschaft irrt und das erhoffte Ziel ihrer Flucht nicht erreichen kann. Syrien erscheint da nicht weit.

Es ist also kein leichter Stoff, den sich der Mädchenchor Hannover für seine neue CD ausgewählt hat. Auch technisch ist das Stück eine Herausforderung. Oft bewegen sich die Stimmen auf der heiklen Grenze zwischen Deklamation und Gesang, und manchmal brechen grelle Dissonanzen schlagartig aus einer lethargischen Einstimmigkeit hervor. Dazu müssen die jungen Sängerinnen gemeinsam mit Stephan Meier und seinen Schlagzeugkollegen vom Ensemble S Teile der Begleitung übernehmen. Unter Leitung von Gudrun Schröfel bewältigt der Chor aber souverän sämtliche Herausforderungen. Und Brittens ohnehin lichte „Ceremony of Carols“, die das Programm der bei Rondeau Productions erschienenen CD vervollständigt, klingt danach im Zusammenspiel mit der Harfinistin Brigit Bachhuber nur noch leuchtender und müheloser.

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Von solcher technischen und musikalischen Vollendung ist der Knabenchor Hannover mit seiner neuen Aufnahme von Johann Rosenmüllers „Marienvesper“ ein gutes Stück entfernt. Gleichwohl ist die ebenfalls bei Rondeau veröffentlichte Doppel-CD eine spannende Begegnung mit einem Komponisten, der als Mittler zwischen der italienischen und deutschen Musik des 17. Jahrhunderts eine zentrale Gestalt der Musikgeschichte ist. Zusammen mit dem Johann-Rosenmüller-Ensemble und dem Barockorchester L’Arco hat Knabenchorleiter Jörg Breiding verschiedene unüberhörbar qualitätsvolle Werke zu einem überzeugenden Programm zusammengestellt. Auch wenn die Phrasierungen manchmal etwas eckig wirken und nicht alle Tempowechsel mit überzeugender Entschlossenheit gelingen, ist die Aufnahme mit geschlossenem Chorklang und einigen fabelhaften Solopassagen eine hörenswerte Erinnerung an einen etwas ins Dunkel der Geschichte zurückgedrängten großen Komponisten.

Ein wenig in Vergessenheit geraten sind heute auch die beliebtesten Kompositionen, mit denen Johannes Brahms seinen Ruhm begründete: Seine Chorlieder übertrafen bei Weitem die Beliebtheit, die Brahms mit seinen Sinfonien und Kammermusikwerken genoss. Der Norddeutsche Figuralchor hat sich unter Leitung von Jörg Straube unter anderem des einstmals populären „Liebeslieder-Walzers“ angenommen und diesen Zyklus auf einer jetzt bei Dabringhaus und Grimm veröffentlichten CD mit späteren Chorwerken kombiniert.

Gemeinsam mit den Solisten Ania Vegry, Andreas Post und Guido Ruland sowie den Pianisten Markus Bellheim und Haruhi Sato zeigt der hannoversche Spitzenchor, was Musiker und Hörer bis heute faszinieren muss: harmonische Wendungen, die dem Text immer wieder überraschende Bedeutung unterlegen, und eine ungeheuere Formenvielfalt auf knappstem Raum. Lakonisch und weise erzählen Brahms’ Miniaturen vom Leben. Und der Figuralchor verleiht ihnen hier viele wunderbare Stimmen.

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