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Kultur Neue "Facetten jüdischer Musik" in Hannover
Nachrichten Kultur Neue "Facetten jüdischer Musik" in Hannover
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10:30 19.11.2010
Von Stefan Arndt
"Facetten der jüdischen Musik": Avishai Cohen spielte im Beisein des isarelischen Botschafters im kleinen Sendesaal des NDR.
"Facetten der jüdischen Musik": Avishai Cohen spielte im Beisein des isarelischen Botschafters im kleinen Sendesaal des NDR. Quelle: Philipp von Ditfurth
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In Hannover ist das Etikett „jüdische Musik“ inzwischen in erster Linie ein anderes Wort für die frühromantische Chormusik des Berliner Kantors Louis Lewandowski, die Andor Iszák vom Europäischen Zentrum für Jüdische Musik mit schöner Regelmäßigkeit in der Stadt vorstellt. Um ergänzend dazu einen Eindruck vom Reichtum der großen jüdischen Musiktradition zu bekommen, hat die Stiftung Niedersachsen nun gemeinsam mit dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen die Konzertreihe „Facetten der jüdischen Musik“ ins Leben gerufen. In loser Folge sollen künftig ein bis zwei Konzerte pro Jahr stattfinden, die nach dem Willen von Stiftungspräsidenten Dietrich Hoppenstedt „das Ohr öffnen und das Wissen fördern“ sollen für das, „was jüdische Musik ausmacht“.

Nach dem Auftakt mit Gustav Mahlers erster Sinfonie mit der NDR Radiophilharmonie im April war jetzt eine ganz andere Seite jüdischer Musik zu erleben: Das Quintett des israelischen Kontrabassisten Avishai Cohen gastierte im Kleinen Sendesaal des NDR – und sorgte dort für einen vollen Saal, weil sich neben den geladenen Gästen aus Politik und Gesellschaft auch ein junges Publikum in den Saal drängte, um den hoch gehandelten Jazzmusiker live zu erleben, der lange in New York lebte und dort unter anderem zu den Bands von Chick Corea gehörte.

Gleich zu Beginn stellt Cohen seine viel gelobten technischen Fähigkeiten mit einem fingerfertigen Basssolo unter Beweis. Noch beeindruckender als diese individuellen Fertigkeiten ist aber der Gesamtklang der fünf Virtuosen: Cohen und seine Musiker umhüllen fast volksliedartige Melodien mit einem wilden rhythmischen Klangmantel. Dazu gehört auch, dass in der Band ein hörbar klassisch geschulter Pianist, der seine Läufe impressionistisch zu färben versteht, neben einem athletischen Schlagzeuger sitzt, der das herkömmliche Drum-Set gegen ein Cajón – eine Art Kistentrommel – und eine Reihe von Glocken und Becken getauscht hat, denen er mit bloßen Händen kraftvolle Rhythmen entringt. Cohen selbst spielt nicht nur Kontrabass, sondern singt zusammen mit einer weiteren Sängerin hebräische Texte und musikalische Arabes-ken, die von Zeit zu Zeit von einem faszinierend wendigen Oud-Spieler weitergeführt werden.

Die Musiker transformieren so traditionelle jüdische und arabische Einflüsse in eine wunderbar gegenwärtige Musik, die traditionsbewusst, aber frei von Folklore ist. Am Ende sind Gäste und Fans gleichermaßen begeistert, das Publikum steht und applaudiert im Stehen, bis es die geforderten Zugaben erhält. Cohens Musik begeistert auch ohne den historischen Kontext – eine Facette jüdischer Musik, die nirgendwo erfrischender wirken dürfte als in Hannover.

Johanna Di Blasi 19.11.2010
Johanna Di Blasi 19.11.2010