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Kultur Neue Kinderoper von Edward Rushton im Ballhof
Nachrichten Kultur Neue Kinderoper von Edward Rushton im Ballhof
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07:45 08.04.2013
Von Stefan Arndt
Macht singen glücklich? Im Ballhof ist es zumindest interessant.
Macht singen glücklich? Im Ballhof ist es zumindest interessant. Quelle: Obst
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Hannover

Sie singen. Das ist schon mal ein Schock. Hübsch anzusehen ist die Bühne ja, mit ihrem Rüschenvorhang und dem barocken Portal vor einem gemalten Landschaftsprospekt. Aber dass die Menschen hier so gar nicht normal reden, ist schon irgendwie seltsam ...
So oder ähnlich wird es sich anfühlen, wenn man zum ersten Mal eine Oper hört. Und für die meisten Besucher der Jungen Oper – in diesem Fall Kinder ab zehn Jahren – trifft das wohl zu bei Edward Rushtons neuem Stück „Im Schatten des Maulbeerbaums“. Doch was tut der Komponist? Er lässt seine Figuren ohne weitere Erklärungen singen, eineinviertel Stunden lang. Die Oper des 1972 geborenen Engländers macht also Ernst mit ihrem Gattungsbegriff: Es ist ein durchkomponiertes Musiktheaterstück ohne jeden Dialog. Harte Kost für manche Besucher – und doch eine wirkungsvolle Radikalkur. Der Gesang passt ideal zu diesem ebenso wunderlichen wie wundervollen Theaternachmittag – das spüren am Ende wohl auch viele junge Besucher.

„Im Schatten des Maulbeerbaums“, ursprünglich ein Auftragswerk der Züricher Oper und im hannoverschen Ballhof Eins nun in überarbeiteter Fassung zu sehen, ist nach der „Frommen Helene“ bereits das zweite Jugendstück von Rushton und der Librettistin Dagny Gioulami, das die Staatsoper produziert. Gründe dafür liefert die Partitur mehr als genug: Rushtons Musik ist in bester britischer Manier eklektisch: Sie kennt Jazz-Walzer und die Gegenwartskomponistin Judith Weir, gibt sich (wenn Verträge geschlossen werden) großspurig wie die „Götterdämmerung“ und ist auch in der kleinen Orchesterbesetzung klangsinnlich elegant wie Brittens „Sommernachtstraum“. Der Komponist weiß überdies mit der menschlichen Stimme umzugehen: Man hört, dass Rushton im Gegensatz zu manchem seiner Kollegen viel Erfahrung als Liedbegleiter hat. Nie müssen die Sänger bei ihm leere Phrasen singen. Jedes Wort ergibt auch musikalisch einen Sinn.

Dazu kommt eine Handlung, die trotz eines Kindes als Identifikationsfigur ohne pädagogische Gutwilligkeit auskommt. Es geht um einen Schatten, der verkauft wird; um den Einbruch der Freiheit und Wildnis in geordnete Verhältnisse und gipfelt in der schön verschrobenen Pseudoweisheit „Der Schatten wandert“. Zu lernen gibt es dabei wohl nichts, „Im Schatten des Maulbeerbaums“ ist eher ein funkelndes, unterhaltsames Musiktheaterrätsel, das man gerne zu lösen versucht.

Die Inszenierung von Martin G. Berger setzt die Ideenfülle des Stückes fort: Sie ist voll von schönen Theatereinfällen. Selbst Statisten auf Stelzen, ein bilderstürmendes Bühnenbild aus Umzugskartons (von Sarah-Katharina Karl) und abfärbender Publikumskontakt passen hier ins Konzept. Musikalisch leistet eine Kammerbesetzung des Staatsorchesters unter der Leitung von Mark Rohde ganze Arbeit, und im Ensemble der Jungen Oper (das nicht mit dem der Staatsoper identisch ist) sorgen wunderbare Sängerdarsteller wie Michael Chacewicz als verunsicherter Vater dafür, dass aus der kleinen Produktion großes Theater wird. Vielleicht kann sie tatsächlich ein paar Kinder für die seltsame Kunstform mit dem Gesang begeistern. Wer die Oper aber bereits liebt, sollte „Im Schatten des Maulbeerbaums“ sicher nicht verpassen. Egal, wie alt man ist.

Weitere Vorstellungen am 14. (15 Uhr) und 18. April (18 Uhr), sowie am 7., 14., 26. und 28. Mai. Kartentelefon: (05 11) 99 99 11 11.

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