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Kultur Neue Leiterin in Hitzacker
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20:05 27.07.2012
Von Stefan Arndt
Violinvirtuosin und Festivalleiterin Carolin Widmann. Quelle: Borgreve
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Hitzacker

Wie misst man den Erfolg einer Intendantin? Die Geigerin Carolin Widmann, die eben noch so beredt Auskunft über ihre Pläne gegeben hatte, verstummt für einen Moment. Keine leichte Frage für eine Musikerin, die bisher immer im Rampenlicht gestanden hatte und nie dahinter; die am Applaus und der Reaktion des Publikums sofort erkennen konnte, ob ihr Spiel die beabsichtigte Wirkung erzielt hatte.

Nun aber wechselt Widmann die Seite - zumindest teilweise: Bei den Sommerlichen Musiktagen in Hitzacker, die heute beginnen, ist sie zwar in einigen Konzerten als Musikerin zu erleben. Vor allem aber ist sie Organisatorin: Die 1976 in München geborene Geigerin ist die neue künstlerische Leiterin des traditionsreichen Kammermusikfestivals an der Elbe. „Vielleicht reicht es, wenn man nur einen einzigen Zuhörer hat, der völlig begeistert ist“, sagt sie nach einer langen Denkpause auf die Frage nach dem Erfolg. „Das ist allemal mehr wert als lauwarmer Applaus in einem ausverkauften Saal.“

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In Hitzacker wird Widmann vermutlich beides vereinen können: Begeisterung und Publikumsandrang. Schließlich hat ihr Vorgänger Markus Fein Hitzacker endgültig zu einer attraktiven Adresse für viele Musikfreunde gemacht und gezeigt, dass sich hoher Anspruch und Popularität nicht ausschließen müssen. Wer bloß in seine Fußstapfen treten könne, habe sich Widmann gefragt, als Fein ihr sagte, dass er die Leitung des Festivals abgeben werde. „Genau deshalb rufe ich ja an“, antwortete der scheidende Intendant - und erschreckte die Geigerin damit zunächst: Die ganze Organisation, die ein solcher Job mit sich bringt, war ihr schließlich vollkommen fremd.

Erst am nächsten Morgen sei ihr klar geworden, dass sie an einer solchen Aufgabe „rasend interessiert“ sei. Widmann sagte zu. Für sie war das „ein logischer Schritt“ in ihrem Verhältnis zum Festival. Das erste Mal sei sie 2004 an der Elbe gewesen. „Ich kam, spielte und fuhr wieder weg“, sagt Widmann. Später habe sie den Ort und seine Musiker immer mehr schätzen gelernt. Sogar ihren heutigen Duopartner, den Pianisten Dénes Várjon, hat sie in Hitzacker kennengelernt.

In der Programmstruktur folgt sie im wesentlichen der ihres Vorgängers. Es gibt das Chorsingen für jedermann, die Hörerakademie und den Festival-Walk. Das Projekt „Profis unterrichten Laien“ hat Widmann sogar noch ausgebaut. Und schließlich stehen die Musiktage auch weiterhin unter einem Motto. In diesem Jahr heißt es „Exil“ und gibt nicht nur den während der Nazi-Zeit verfemten Komponisten Raum, sondern ist so weit gefasst, dass sich auch Werke des (tauben) Beethoven oder die vielfältige Musik der Exilantenstadt Wien im Programm finden. Schließlich ist mit der in Berlin lebenden britischen Komponistin Rebecca Saunders sogar ein „Composer out of Residence“ mit von der Partie.

Daneben sind in diesem Jahr auch sehr bekannte Solisten zu erleben. Der Bariton Matthias Goerne gibt am 3. August einen Liederabend, einen Tag zuvor ist die Geigerin Isabelle Faust in Hitzacker zu Gast. Doch ist die Violinvirtuosin Faust nicht eigentlich eine Konkurrentin der Violinvirtuosin Widmann? „Ich glaube, dieses Gefühl kenne ich tatsächlich nicht mehr“, sagt die. Sie sei über jeden froh, der klassische Musik unter die Menschen bringe: „Das erfordert heutzutage wieder viel Mut, weil man nicht weiß, wie es weitergeht.“

Pessimistisch blickt Widmann deshalb aber nicht in ihre Zukunft als Musikerin und Intendantin. „Es kann gut sein, dass es Institutionen wie ein Rundfunkorchester oder ein Opernhaus nicht mehr geben wird“, sagt sie. „Die Kultur selbst aber lässt sich nicht unterkriegen.“ Wahrscheinlich ist es ihr deshalb so wichtig, ihre eigene Begeisterung für die Musik zu übertragen. Und sei es nur auf einen einzigen Zuhörer.

Karten und Programm der Sommerlichen Musiktage, die bis zum 5. August stattfinden: www.musiktage-hitzacker.de und Telefon (05862) 941430.

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