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Kultur Bei Münchhausen kann die Lüge wichtig sein
Nachrichten Kultur Bei Münchhausen kann die Lüge wichtig sein
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22:54 10.05.2015
Nur echt mit Kugel: Byung Kweon Jun als Baron Münchhausen. Quelle: Jauk
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Hannover

Verachtet nur die Lüge nicht, denn sie öffnet neue Weiten. Und die Kraft der Fantasie schafft uns andre Wirklichkeiten. Man muss nicht nur vernünftig sein, Spinnerei ist wichtig. Wer nur das sieht, was es gibt, sieht auch das nicht richtig.“ Mit diesen Worten endet das als Auftragswerk für die Staatsoper Hannover von Klaus Angermann getextete und von Jan Masanetz vertonte Musiktheater über den Lügenbaron Münchhausen.

Baron von Münchhausen ist ein realitätsferner Fantast, der seiner eigenen Fantasie zu gerne selber Glauben schenkt, keiner, der andere mutwillig und zum eigenen Vorteil belügt. Seine Mutter hingegen lügt sich selbst in die Tasche, indem sie sich die Andersartigkeit ihres Sohnes schönredet. Der Diener des Barons steht fest auf dem Boden der Realität und rettet seinen Herrn dadurch immer wieder aus schier ausweglosen Situationen, manchmal auch durch kleine Notlügen. Die zu Beginn des Stückes auftretenden Agenten wiederum sind Verschwörungstheoretiker, die in allem Böses vermuten, was ganz sicher auch nicht der Wahrheit entspricht. Es gibt so viele Formen der Unwahrheit, wie es Charaktere auf der Bühne gibt.

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Die zutiefst philosophischen Frage, wo Fantasie aufhört und Lüge anfängt, wie die Vorstellungskraft die Realität verändern kann, werden in diesem Musiktheater auf höchst unterhaltsame und kurzweilige Art gestellt. Die niveauvolle Musik, für ein neunköpfiges Kammer-ensemble verfasst, ist bildhaft genug für junge, gleichzeitig aber auch anspruchsvoll genug für erfahrenere Zuhörer. Ein gelungener Spagat des jungen Jan Masanetz, der hier zum ersten Mal musiktheatralisch an die Öffentlichkeit tritt.

Bühnenbild und Kostüme (Antonelle Mazza, Elvira Freind) sind, wie meist im Ballhof, auf das Wesentliche reduziert. Gerade dadurch aber bekommen die jungen Zuschauer einen informativen Einblick in die Bühnentechnik. Ein Sonderlob den Machern des Programmheftes, in dem vieles aus dem Entstehungs- und Erarbeitungprozess erklärt wird. Regisseurin Beverly Blankenship gab jedem Charakter ein eigenes Profil und arbeitete dies vor allem über die mimische Darstellung deutlich heraus.

Überhaupt muss die schauspielerische Leistung der Darsteller besonders hervorgehoben werden. Allesamt bestachen sie durch intensives, das Publikum tief berührendes Spiel. Auch sängerisch wussten sie zu gefallen. Byung Kweon Jun (Münchhausen) und Eunhye Choi (Traumprinzessin) hatten hier den größten Part zu bewältigen und gestalteten dies, den Rollen angemessen, mal sentimental-romantisch, mal aufgebracht-kraftvoll. Dabei neigten sie dankenswerterweise nie dazu, in den stimmlichen Extremregionen zu forcieren.

Siegmund Weinmeister formte aus dem Kammerensemble des Staats- orchesters (mit einem Gast an der Gitarre) einen runden, ausgewogenen Ensembleklang, was bei der Unterschiedlichkeit der eingesetzten Instrumente kein Selbstläufer ist. Besonders gut hörbar wurde dies in der Mondmusik, bei der laut Komponist „alle Töne wie breit gezogener Kaugummi“ klingen.

Am Ende spendete das Publikum dem Aufführungsteam lang anhaltenden Applaus. Besonders die jungen Zuhörer schienen begeistert - anspruchsvolle Unterhaltung überzeugt auch heute noch generationsübergreifend.

Michael Meyer-Frerichs

Theatertipp

Weiter am 13. und 14. Mai. Infos und Karten: (05 11) 99 99 11 11. Weitere Informationen unter staatstheater-hannover.de

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