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11:22 10.07.2013
Von Stefan Arndt
Grund für den Abonnentenrückgang? Der wuchtige Kuppelsaal Hannover ist als Klassikspielstätte nicht mehr zeitgemäß. Quelle: Steiner
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Hannover/Hamburg

Nein, von diesem Unternehmen habe man hier noch nichts gehört. Leider. Der Instrumentenhändler blickt ratlos zu seiner Kollegin, die ebenfalls nur mit den Schultern zuckt. Dabei residiert die Konzertdirektion Schmid schon seit Jahren fast gegenüber der traditionsreichen Musikalienhandlung in der hannoverschen Königstraße. Ein paar hundert Meter nur trennen das kleine Instrumenten- und Notengeschäft von einem der großen europäischen Unternehmen in der Welt der Klassik. Doch aus der Nähe betrachtet scheint man dessen Glanz nicht zu bemerken.

Zum Geschäft einer Konzertdirektion gehört offensichtlich auch die Diskretion. Das schlichte Schild neben der Haustür fällt nicht auf. Und selbst wenn man es sieht, kann man kaum ahnen, dass diese Adresse vielen Klassikstars gut bekannt ist. Der Dirigent Andris Nelsons, Solisten wie Murray Perahia, Yo-Yo Ma und Sabine Meyer gehören zu den Künstlern, die von der Konzertagentur vertreten werden. Sie lassen ihre Konzerte, ja teilweise ihre ganze Karriere von Hannover aus organisieren.

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In der Stadt selbst merkt man wenig davon. Es sei denn, die Künstler treten hier auf. Denn der Veranstalter Pro Musica, bei dem sie dann zu Gast sind, gehört zur Konzertagentur. Manchen Star hat überhaupt nur der Draht zu Schmid nach Hannover gelockt. Fast ein halbes Jahrhundert hat die Doppelfunktion als Agent und Veranstalter funktioniert. In den vergangenen Jahren aber haben die Probleme zugenommen. Darum gibt es nun eine Veränderung: Agentur-Inhaberin Cornelia Schmid hat die Organisation der hannoverschen Pro-Musica-Konzerte mit Beginn der kommenden Saison der Hamburger Konzertdirektion Dr. Rudolf Goette übertragen. Gleichzeitig tauscht ihr Unternehmen Besitzanteile mit dem Traditionsveranstalter aus der Hansestadt aus. Schmid ist nun bei Goette beteiligt und umgekehrt. Der bisherige Pro-Musica-Gesellschafter Bernd Voorhamme scheidet aus.

Dass regelmäßige Konzertbesuche für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit mehr sind, hat Cornelia Schmid schon seit einiger Zeit beobachtet. „Seit zwei Jahren mache ich mir verstärkt Sorgen“, sagt sie. Mit einem breiteren Angebot hat sie versucht gegenzusteuern und die Anzahl der Konzerte mit einer neuen Reihe erhöht – vergeblich: Die neue Saison wird wieder auf den alten Stand zurückgefahren. „Als privater Konzertveranstalter kann man sich das einfach nicht leisten.“

Daher wolle man sich bei Schmid und Goette laut offizieller Mitteilung fortan auf die jeweilige „Kernkompetenz konzentrieren“, um die „finanzielle, personelle und strukturelle Zukunftsfähigkeit“ beider Unternehmen sicherzustellen. Schmid wird also künftig vor allem Künstler vertreten, Goette in erster Linie Konzerte veranstalten. Für Schmid ist das ein nur logischer Schritt: „Unsere beiden Firmen ergänzen sich in ihrem jeweiligen Tätigkeitsbereich perfekt“, sagt sie.

Genug zu tun werden beide auch so haben – nicht zuletzt, weil sie auf gegenläufige Strömungen reagieren müssen. „Das Klassikgeschäft verlagert sich“, sagt Cornelia Schmid. Es gebe einen Trend, neue Konzerthäuser zu bauen – nicht nur in Hamburg, wo die Elbphilharmonie zur Dauerbaustelle geworden ist, sondern in Ländern wie Tschechien und Ungarn. Dort gebe es ein „sehr großes Interesse“ an Konzerten. Zu diesem wachsenden Markt komme die ungebremst gewaltige Nachfrage aus Fernost. Für die von Schmid vermittelten Künstler ist es daher nicht mehr selbstverständlich, dass sie auf ihren Tourneen auch nach Deutschland kommen.

Was Schmid als international agierende Konzertagentin freut, muss sie als lokale Veranstalterin aber stören. Es wird immer schwieriger, prominente Künstler überhaupt für ein Konzert in eine Stadt wie Hannover zu holen. Zugleich verändert das Publikum seine Gewohnheiten. Dass in zehn Jahren niemand mehr ins Konzert geht, wie viele Kulturpessimisten orakeln, sei aber eine ganz falsche Prognose. Für Goette-Inhaber Pascal Funke ist das zunehmende Alter der Zuhörer gar kein Problem – im Gegenteil: „Wenn es eine wachsende Ressource in Deutschland gibt, dann sind das ältere, aktive Menschen“, sagt er. „Nicht das Publikum stirbt aus“, präzisiert Cornelia Schmid, „sondern die Abonnenten.“

So muss die Reihe, die Pro Musica mit Orchestern im Kuppelsaal veranstaltet, einen jährlichen Rückgang der Abonnements um zehn Prozent verkraften. Sicher hat das auch mit dem Saal zu tun, der längst nicht mehr den Anforderungen eines neuen Konzerthauses genügt. Im Funkhaus gibt es einen solchen Rückgang nicht. Schmid und Funke hoffen daher auf eine Renovierung des Kuppelsaals im kommenden Jahr.

Statt ganzer Abonnements würden immer mehr Einzelkarten verkauft, sagt Schmid: „Sobald unser Jahresprogramm erscheint, bekommen wir jede Menge Bestellungen.“ Vor allem die Konzerte mit bekannten Programmen und bekannten Künstlern seien stark nachgefragt. Bei jungen, unbekannten Musikern bleibe der Saal dagegen leer. „So wird es immer schwieriger, eine Entdeckung zu machen und einen Künstler kontinuierlich aufzubauen“, so Schmid.

Ihr neuer Partner Goette kennt diese Probleme: Das Unternehmen veranstaltet nicht nur in Hamburg Klassikkonzerte, sondern auch in Bremen, Braunschweig und Osnabrück. „Die Institution des Abonnements ist absolut schützenswert“, sagt Pascal Funke. Darum tut er viel, um das zu ermöglichen. „Wir versuchen, den Wünschen des Publikums entgegenzukommen und unsere Reihen mit Rabatten und Flexibilität in der Terminauswahl wieder attraktiv zu machen“, sagt er.

Inhaltlich wird es bei den Konzerten, die weiter unter dem Namen Pro Musica firmieren, aber höchstens kleine Veränderungen geben. Schließlich ist es mit Burkhard Glashoff ein ehemaliger Schmid-Manager, der die Konzerte bei Goette organisieren wird. „Bis jetzt ist dort ja alles sehr gut gelaufen“, sagt Funke: „Hannover ist keine Baustelle.“ Und Cornelia Schmid ist überzeugt, dass es das nun auch nicht mehr werden wird: „Wir sind fest davon überzeugt, mit der Zusammenarbeit für die Zukunft optimal gerüstet zu sein“, sagt sie.

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