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Kultur Wertpapiere im Landesmuseum
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17:12 10.03.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Foto: Die Neueinrichtung des Kupferstichkabinetts im Landesmuseum.
Die Neueinrichtung des Kupferstichkabinetts im Landesmuseum. Quelle: Surrey
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Gerade noch scheint sie etwas skizziert zu haben, jetzt ruht die allegorische Figur auf ihren Entwürfen. Von denen blicken die Fabelwesen hinter ihr, erschrocken und erschreckend zugleich, auf – und den Betrachter an. „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, lautet der deutsche Titel dieser Grafik, die Goya 1799 unter dem Eindruck der Französischen Revolution geschaffen hat. Doch Francisco José de Goya y Lucientes hat das Wort „sueño“ verwendet, was außer „Schlaf“ auf Deutsch auch „Traum“ heißen kann. Seine Radierung erlaubt beide Deutungen und bietet deshalb, aber auch wegen der spektakulären Bildkomposition, die den „monstrues“ viel und der Vernunft wenig Raum lässt, reichlich Betrachtungsstoff.

Gelegenheit zu solcher Betrachtung gibt es jetzt im Kupferstichkabinett des Landesmuseums. Mit der Neueinrichtung dieses Kabinetts sind gleich drei Premieren verknüpft: Erstmals in der Geschichte des Hauses werden die rund 20 000 Handzeichnungen und Druckgrafiken überhaupt regelmäßig der Öffentlichkeit zugänglich sein. Außerdem wird der üppige Bestand jetzt zum ersten Mal in seiner Gesamtheit katalogisiert. Und drittens wird dafür erstmals überhaupt im Landesmuseum eine Papierrestauratorin beschäftigt.

„Teils müssen die Passepartouts erneuert werden, teils gibt es Stockflecken oder Risse“, sagt die Restauratorin Friederike Krause. Dabei geht es um den Erhalt erheblicher Werte: Das Kupferstichkabinett umfasst etwa die 7000 Einzelstücke der Sammlung des Hannoverschen Künstlervereins von 1842, rund 5000 Stücke aus dem Erbe August Kestners und etwa 2000 Werke des hannoverschen Malers Johann Heinrich Ramberg. Auf mehr als 40 000 Euro veranschlagt der Kunsthistoriker Ralf Bormann allein Goyas „Caprichos“, zu denen die Vernunftallegorie zusammen mit 79 weiteren Grafiken zählt.

„Dass wir die ,Caprichos‘ komplett und in so gutem Zustand besitzen, zählt für mich zu den großen Überraschungen meiner Arbeit“, sagt Bormann. Finanziert aus Mitteln des Landes soll er die Bestände bis Anfang 2015 komplett katalogisieren. „Unser Ziel ist ein virtuelles Kupferstichkabinett im Internet“, erläutert Kurator Thomas Andratschke. „Schließlich geht es um einen einzigartigen Schatz“, sagt Museumsdirektorin Katja Lembke.

Immerhin handelt es sich um Werke aus fünf Jahrhunderten – von Albrecht Dürers „Ritter, Tod und Teufel“ (1513) über Entwürfe von Leonardo da Vinci oder das „Hundertguldenblatt“ (1647) von Rembrandt bis hin zu einem Aquarell von Camille Pissaro oder Zeichnungen von Lovis Corinth. „Der reitende Tod“ (1502), eine besonders berühmte  Dürer-Zeichnung, ist zwar gerade ans Frankfurter Städel-Museum für dessen Dürer-Ausstellung ausgeliehen. Doch Dürers raffiniertes Spiel mit Licht und Schatten lässt sich fast noch besser an „Hieronymus in seinem Gehäuse“ (1514) studieren, das mit weiteren Exponaten in einigen Vitrinen innerhalb des Kupferstichkabinetts ausgestellt wird.

Das Kupferstichkabinett ist ab sofort donnerstags von 16 bis 18 Uhr geöffnet. Landesmuseum, Willy-Brandt-Allee 5.

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