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Kultur Neuer Intendant führt selbst Regie
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19:32 18.09.2009
Von Ronald Meyer-Arlt
Lars-Ole Walburg Quelle: Christian Burkert
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Es ist ein Irrtum, dass die Toten tot sind. Sie verwandeln sich in unbedrohbaren Staub.“ Die Worte stammen von Heiner Müller und Bertolt Brecht, Alexander Kluge hat sie aufgeschrieben, und er hat sie auch ausgesprochen: im Januar 1996 bei der Trauerfeier für Heiner Müller.

Heiner Müller ist nicht tot. Auch wenn es ein paar Jahre nach seinem Tod den Anschein hatte, als würden seine Dramen seltener gespielt werden. Er ist immer noch präsent auf deutschen Bühnen. Am 1. Oktober wird mit einem Stück von ihm eine Spielzeit und der Beginn einer Intendanz eröffnet. Lars-Ole Walburg, der neue Leiter des Schauspiels Hannover, beginnt seine Zeit als Theaterdirektor in Hannover mit Heiner Müllers „Wolokolamsker Chaussee“, einer Folge von Texten, die zwischen 1984 und 1987 entstanden sind. Dazu stellt er einen Text von Ilja Ehrenburg aus den dreißiger Jahren: „Das Leben der Autos“. Sozialismuskritik trifft auf Kapitalismuskritik.

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Jetzt probt Walburg das Dramendoppel auf der großen Bühne. Dass der Intendant des Hauses hier die Probe leitet, hat es in Hannover lange nicht mehr gegeben. In den vergangenen Jahrzehnten waren Managerintendanten wie Eberhard Witt, Ulrich Khuon und Wilfried Schulz in Hannover sehr erfolgreich. Vor ein paar Jahren noch galt der regieführende Intendant im deutschen Stadttheaterbetrieb als Auslaufmodell. Man wollte keine Künstler mehr, sondern Macher. Intendanten mussten Manager sein – gut vernetzt, hochkommunikativ, sparsam. Mit Lars-Ole Walburg, so die Hoffnungen, bekommt man vielleicht beides: den Manager und den Künstler. Die Neugier in der Stadt ist jedenfalls groß, und die Vorschusslorbeeren des deutschen Feuilletons für Walburgs ersten Spielplan waren beachtlich.

Der Druck auf den Regisseur muss immens sein. Und seine erste Inszenierung am eigenen Haus steht natürlich unter besonderer Beobachtung: Da zeigt der neue Intendant seinem neuen Publikum zum ersten Mal seine Handschrift.

Aber Nervosität ist Lars-Ole Walburg erst mal nicht anzumerken. Eher Stolz auf das, was er in Hannover schon erreicht hat. Wer das Schauspielhaus betritt, sieht gleich, dass hier nun ein neuer Hausherr das Sagen hat. Das Pausen­foyer ist nicht mehr so bunt wie zuvor, der rote Teppich ist weg, die vormals gelben Fahrstuhltüren sind jetzt grau. Man hat die neunziger Jahre hinter sich gelassen. Alles wirkt sehr edel. Auch die Buchhandlung ist kein Tischchen in der Ecke des Foyers mehr, sondern ein kleiner Laden mit ausklappbaren Regalen.

Eine neue Ernsthaftigkeit scheint im Schauspielhaus Einzug zu halten – wozu auch Heiner Müller ganz gut passt. Wer mit einem Text von ihm eine Spielzeit, gar eine Intendanz eröffnet, der will auch demonstrieren, dass er etwas zu sagen hat. Andererseits: Wird das wirklich sooo ernst? Immerhin werden auch fünf Clowns mitspielen. Die sehen ein bisschen abgerissen aus und proben auf der großen Bühne gerade die ersten Szenen des Ehrenburg-Textes, in dem es um den Automobilhersteller André Citroën geht.

Sie kommen auf die Bühne, bauen eine Manege auf und fangen an zu sprechen. Lustig, aber vielleicht ein bisschen zu gewollt. Regisseur Walburg ist vom Regiepult in der fünften Reihe nach vorn an die Rampe gegangen. „Versucht nicht, die Worte zu ironisieren“, sagt er den fünf Schauspielern. Die Clowns gucken traurig. Das passiert automatisch, wenn Clowns den Kopf senken, um zuzuhören. „Immer, wenn ihr den Text nur erzählt, wird es langweilig“, sagt Walburg, „ihr müsst etwas mitzuteilen haben.“ Die Clowns nicken. Einer sagt, er wisse nicht genau, wann sein Spiel zu übertrieben wird. „Versuch’s mal, sagt der Regisseur, „wenn’s zu viel wird, sage ich es dir.“

Es wird nicht zu viel, jedenfalls sagt Walburg nichts. Wie er überhaupt sehr ruhig wirkt, während dieser morgendlichen Probe auf der großen Bühne. Vieles ist noch nicht fertig, das Licht wird gerade erst eingerichtet, wann welche Geräusche eingespielt werden sollen, ist auch noch nicht klar. Man probt, man tastet sich heran. Walburg hört genau zu, geht auf die Vorschläge der Schauspieler ein. Er vermittelt Sicherheit. Oft sagt er Sätze wie: „Bis zur Premiere haben wir noch genug Zeit.“ Oder: „Da werden wir schon was finden.“ Oder: „Das müssen wir ja jetzt noch nicht entscheiden.“ Die Clowns nicken.

Die große Bühne ist mit einem Kreis aus Torf bedeckt. Damit der Torf nicht in den Zuschauerraum befördert wird, muss sich jeder, der von der Bühne ins Parkett steigt, die Schuhe an zwei Fußmatten säubern. Das wirkt merkwürdig spießig. Und passt so gar nicht zu Heiner Müller. Ist aber auch nur für die Probe.

Die Schauspieler, die gerade nicht dran sind, sitzen im Zuschauerraum und schauen ihren Kollegen auf der Bühne zu. So gut wie jeder von ihnen hat eine Mineralwasserflasche in der Hand. Man nimmt einen winzigen Schluck, schaut den Kollegen zu, kaum hat man den Verschluss zugeschraubt, schraubt man ihn schon wieder auf, um noch einen Schluck zu trinken. Während alle Schauspieler aus Plastikflaschen trinken, trinkt der Regisseur aus einer grünen Glasflasche. Oft lacht er. Und auf die Frage, ob er einen gewissen Erwartungsdruck spüre, antwortet er: „Nein, gar nicht. Ich bin froh, dass wir alle im Moment außergewöhnlich angstfrei sind.“

Simon Benne 17.09.2009
Rainer Wagner 17.09.2009