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06:15 15.11.2012
„Die tausend Herbste des Jacob de Zoet" ist ein Monumentalroman über verbotene Liebe, Kolonialismus und Globalisierung.
„Die tausend Herbste des Jacob de Zoet" ist ein Monumentalroman über verbotene Liebe, Kolonialismus und Globalisierung. Quelle: dpa
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„Eine schwarze Haarsträhne ist aus ihrem Kopftuch entwischt: Jacob möchte sie besitzen.“ Das winzige Detail schreibt fest, was der Leser nach mehr als 100 Seiten längst ahnt: Dieser Europäer interessiert sich mehr für die Japanerin Orito, als es die Sitten ihres Landes am Ende des 18. Jahrhunderts zulassen. Und der Satz fasst auch gleich ins treffende Wort, was das Interesse am Austausch bildet: Besitz - und lässt so wenig vom edlen Selbstbild des jungen Jacob de Zoet übrig.

Wie hier werden in „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ auch sonst private Seelenzustände der anbrechenden Moderne und politische Ökonomie des Kolonialismus verwoben. Und dabei baut der Autor David Mitchell kunstvolle Spannungsbögen auf - von der Konfrontation zweier Welten, Lüge, Liebe und Intrige, von atavistischen Riten, den Anfängen moderner Medizin und von den kulturellen Kluften, die weit über sprachliche Hürden hinaus damals wie heute Europa und Asien voneinander trennen.

Das Erscheinen der deutschen Ausgabe in diesem Herbst ist nicht nur auf den ersten Blick ein wohlkalkulierter Marketingtrick: Punktgenau landet das Werk just zu jenem Zeitpunkt in deutschen Buchhandlungen, da der „Wolkenatlas“, die Verfilmung von Mitchells gefeiertem Weltbestseller, in die Kinos kommt (Kinostart: 15. November). Das auf fünf Zeitebenen spielende Buch - teils Abenteuerroman, teils Thriller, teils Science-Fiction - ist von der Stoffvielfalt wie vom Kaleidoskop der Erzählstile her ein Werk ganz aus dem Geist der Postmoderne. Und auch „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“, mit 720 Seiten ein noch dickerer Wälzer als der „Wolkenatlas“, ist allenfalls auf den ersten Blick ein bloßer Abenteuerroman.

Historisches Material

Wieder greift Mitchell 200 Jahre zurück. Doch diesmal lässt er keinen Erzähler aus dieser Zeit auftreten, sondern breitet mit einem scharfen, ganz gegenwärtigen Blick nicht nur seine Erzählstränge, sondern auch viel historisches Material aus, was dem Roman die Aura des Authentischen verleiht.

Da landet ein Niederländer 1799 als Gesandter der Ostindischen Kompanie in Japan, genauer, auf der Insel Dejima, jenem künstlichen Eiland vor Nagasaki, das Nichtjapaner damals nur betreten durften. Er will rasch zu Geld kommen, um daheim seine Verlobte Anna zu heiraten, doch in der Fremde kommt er auf Abwege, verliebt sich in die Hebamme Orito, der ein schreckliches Schicksal im Mönchskloster des Shiranui-Schreins droht.

Ein britischer Autor setzt in ein japanisches Szenario einen holländischen Protagonisten. Was zunächst gesucht scheinen mag, erweist sich als besonderer Kunstgriff. Denn hier geht es nicht einfach um die Zerrissenheit eines Mannes zwischen den Kulturen in exotischem Dekor. Mitchell breitet hier nicht nur historisierend große Spannungsbögen aus. Der Reichtum seines Materials und die Genauigkeit seines Blicks machen „Die tausend Herbste“ zugleich auch zu einem Essay über die Anfänge der Globalisierung.

Holländer als Hauptfigur

Deshalb wählt er einen Holländer als Hauptfigur. Denn die Niederländer sind weder wie vor ihnen Spanier und Portugiesen vor allem als Plünderer losgezogen noch vermochten sie wie die Briten dauerhaft ein großes Kolonialimperium aufzubauen. Eher als andere europäische Kolonialmächte haben sie Handelsbeziehungen aufgebaut. Und damit traten bei ihnen Prinzipien des Kapitalismus früher und klarer hervor. Kein Wunder, dass die Ostindische Kompanie auch der erste Weltkonzern war, der Aktien ausgab. Die Holländer waren damit gleichsam die ersten Multis.

Die erste Welterfahrung dieser Händler und die Beschränktheit der jeweiligen Weltsichten, die klaustrophobe Enge von Dejima und dem Shiranui-Kloster - Mitchells Roman lebt von solchen Kontrasten. Sie wurden von britischen Rezensenten nicht ganz zu Unrecht auch als Renaissance des Orientalismus kritisiert, also westlicher Projektionen von der schauerlich-schönen Welt eines rückständigen Orients. Aber auch nicht ganz zu Recht, denn Mitchell nimmt sich nicht nur den Rückstand atavistischer Traditionen vor, sondern auch die Lebenslügen der Europäer, die sich diese Welt gefügig zu machen suchen.

Die Japaner nennen die Brücke zur künstlichen Insel Dejima die „Holland-Brücke“. „Das ist die längste Brücke“, sagt einer von ihnen, „denn diese Brücke verbindet zwei Welten.“ Angesichts der 200 Jahre Abstand ist Mitchells Roman eher ein Appell, diese Distanz endlich auch kulturell zu überbrücken.

David Mitchell: „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet.“ Aus dem Englischen von Volker Oldenburg. Rowohlt. 720 Seiten, 19,95 Euro.

Daniel Alexander Schacht

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