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Kultur Neuer Roman von Henning Mankell
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00:12 30.07.2012
Von Heinrich Thies
Mit „Erinnerung an einen schmutzigen Engel“ lenkt Henning Mankell wieder den Blick auf Afrika. Quelle: dpa
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Hannover

Henning Mankell ist ein Wanderer zwischen den Welten. Der Bestsellerautor lebt abwechselnd in Schweden und Mosambik, und das Verhältnis zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden ist ein wichtiges Thema seiner Bücher. Die Krimis erzählen von der Globalisierung des Verbrechens, die Afrika-Romane von den Geheimnissen eines gedemütigten und geschundenen Kontinents.

Auch Mankells neuer Roman, der am Montag erscheint, bewegt sich zwischen Schweden und Afrika.

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Eigentlich sollte die älteste von fünf Geschwistern ihr Auskommen als Dienstmagd in der schwedischen Küstenstadt Sundsvall finden. Durch Vermittlung eines Kaufmanns aber gelangt sie als Köchin auf ein Frachtschiff. Auf dem Weg nach Australien heiratet sie den Steuermann. Aber schon zwei Monate nach der Hochzeit stirbt der Bräutigam an Malaria. Als das Schiff daraufhin in der portugiesischen Kolonie Mosambik anlegt, geht Hanna in ihrer Trauer und Unruhe von Bord. Sie mietet sich in ein Hotel ein, das sich als Bordell erweist. Der portugiesische Betreiber umwirbt die Schwedin, und Hanna gibt schließlich dem Drängen nach und heiratet ihn. Doch auch ihr zweiter Mann stirbt schon kurze Zeit nach der Hochzeit. Hanna erbt das Bordell und wird zu einer der vermögendsten Frauen Mosambiks.

Die Spitzenstellung in der weißen Oberschicht aber macht die Schwedin nicht froh. Hanna fühlt mit den unterdrückten Schwarzen und entfremdet sich immer weiter von der Kundschaft ihres Bordells und den übrigen Repräsentanten des Kolonialsystems. Sie ergreift Partei für eine Afrikanerin, die ihren Mann erstochen hat und dafür ins Gefängnis kommt. Als Grenzgängerin zwischen weißen Rassisten und der geheimnisvollen Welt der Schwarzen manövriert sie sich immer weiter in die Isolation, taumelt von einer Enttäuschung zur nächsten. Eine tragische Heldin auf verlorenem Posten, gefangen in einem System von Terror und Angst.

Die bewegende Geschichte stützt sich auf das Kolonialarchiv der Hauptstadt von Mosambik, wonach Ende des 19. Jahrhunderts hier tatsächlich eine Schwedin als Bordellbesitzerin zu Reichtum gelangt sein soll. Alles Weitere verdankt sich der Phantasie und Ortskenntnis des Autors. Mankell hat den Stoff zu einem facettenreichen, farbenprächtigen Kolonialroman aufbereitet. Anders als in seinen Krimis erzählt Mankell die Geschichte ausschließlich aus der Perspektive seiner Hauptfigur, die in ihrer selbstlosen Güte, ihrem Eintreten für die Entrechteten die Züge einer Märtyrerin erlangt.

Eine groteske Ebene entfaltet dieser Roman durch zwei Nebenfiguren: Ein stummer Klavierstimmer müht sich in einem fort an einem defekten Piano ab, und ein Affe namens Carlos wird zu Hannas treuestem Begleiter. Der Affe trägt einen Frack, zählt Geld, schläft im Bett seiner Herrin und streicht ihr sanft durchs Haar, durchlebt aber immer wieder auch Phasen der Wildheit.

Bei aller Anprangerung der Kolonialherrschaft hat dieses Buch auch eine poetische Tiefenschicht. Dabei verliert sich der Autor nicht in Afrikamystik, sondern entwickelt Bilder für ein packendes Seelendrama, das den Leser immer mehr in den Bann zieht. Es geht also auch ohne Kommissar Wallander. Henning Mankell beweist einmal mehr, dass er keinen brutalen Kriminalfall braucht, um einen spannenden Roman zu schreiben. Ein Leseabenteuer mit Exotik und Engagement.

Hennig Mankell: „Erinnerung an einen schmutzigen Engel“. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Zsolnay Verlag. 350 Seiten, 21,90 Euro.

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