Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Neuer Suter-Roman
Nachrichten Kultur Neuer Suter-Roman
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:33 28.08.2012
Von Heinrich Thies
Entspannt und erfolgreich, auch hier bei einem Besuch in Hannover: Martin Suter. Quelle: Martin Steiner
Anzeige
Hannover

Seine Bücher stürmen die Bestsellerlisten, werden verfilmt und in etliche Sprachen übersetzt. Martin Suter zählt zu den erfolgreichsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur. Der Schweizer Romanautor und Kolumnist hat sich mit feiner Ironie und leichter Hand ein Millionenpublikum erobert und auch Juroren überzeugt: 2003 erhielt er für „Ein perfekter Freund“ den Deutschen Krimipreis, 2007 wurde der frühere Werbetexter für seinen Roman „Der Teufel von Mailand“ mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Seine versponnenen Geschichten legen unterhaltsam und witzig Abgründe der Wohlstandsgesellschaft frei und erzählen von Typen, die sich deutlich neben der Spur bewegen.

Dies gilt auch für Suters neuen Roman „Die Zeit, die Zeit“, der heute erscheint. Es ist eine ziemlich schräge Geschichte: Zwei Männer kommen nicht über den Tod ihrer Frauen hinweg und verbünden sich in dem Bemühen, die Zeit zurückzudrehen. Nicht etwa nur in Gedanken, sondern in echt. Die Witwer scheuen keine Mühen und Kosten, einen Tag vor 21 Jahren zu rekonstruieren. Zumindest die Kulisse: den Garten, die Zimmer mit Topfblumen und Einrichtungsgegenständen, die Gärten und Fassaden der Nachbarhäuser. Haarklein, pedantisch und detailgetreu richten sie mit Hilfe von alten Fotos alles wieder so her, wie es am 11. Oktober 1991 ausgesehen hat, dem Tag, als Martha, die Frau des alten Knupp, noch am Leben war. Dahinter steckt die Vorstellung, mit der Eliminierung aller sichtbaren Veränderungen auch die Zeit zu eliminieren. Die Toten also gleichsam zum Leben zu erwecken. Suter selbst hat seinen Adoptivsohn bei einem Unfall vor drei Jahren verloren.

Anzeige

Anfangs blickt Peter Taler noch voller Skepsis und Argwohn auf den gegenüberliegenden Garten seines Nachbarn Knupp. Der Buchhalter verdächtigt den 80-jährigen Sonderling sogar, seine Frau auf dem Gewissen zu haben, die ein Jahr zuvor an der Haustür erschossen worden ist. Aber der Argwohn legt sich, als Taler den alten Kauz näher kennenlernt und merkt, dass ihn viel mit ihm verbindet. Denn auch Taler klammert sich an Rituale, die ihm die Illusion vermitteln, dass seine Frau noch lebt: Er lässt Lauras Zigaretten abbrennen, spielt ihre Lieblingsmusik, versprüht ihr Parfüm. Den Ausschlag für eine Zusammenarbeit mit dem alten Knupp gibt schließlich die Übersendung eines philosophischen Werks zum Thema Zeit, das an seine verstorbene Frau gerichtet ist. Immer weiter lässt Taler sich daraufhin von der fixen Idee des Nachbarn einspinnen, versteigt sich zu illegalen Finanztransaktionen und setzt seine gesamte Existenz aufs Spiel, um eine gänzlich hirnverbrannte Idee Wirklichkeit werden zu lassen.

Doch mit der Wirklichkeit ist es in diesem Roman so eine Sache. Am Ende erweist sich alles als ein komplexer Traum. Das ist nicht sonderlich originell und fällt weit hinter den Überraschungseffekten anderer Suter-Werke wie „Small World“, „Der letzte Weynfeldt“ oder „Der Koch“ zurück. Auch sonst zählt „Die Zeit, die Zeit“ nicht eben zu Suters Meisterwerken. Auf die Dauer ist es äußerst ermüdend, immer wieder in allen Details von der Rekonstruktion jenes Stichtages und ihrer verbiesterten Rechtfertigung zu lesen. Als kurze Novelle hätte die Idee vielleicht witzig sein können, aber einen Roman trägt sie nicht.

Das ist schade. Denn Suters Erzählkunst zeigt sich auch hier. Mit spöttischem Unterton entführt der 64-Jährige seine Leser in die Welt seiner Büromenschen und Eigenheimbesitzer und beleuchtet in liebevollen Detailschilderungen ihren verschrobenen Alltag. Doch leider gibt der Autor den Hirngespinsten seiner Helden viel zu großen Raum, so dass man die konstruierte Geschichte irgendwann nicht mehr ernst nehmen kann.

Gleichwohl wird der Starautor wohl auch mit „Die Zeit, die Zeit“ die Bestsellerlisten stürmen. Der Diogenes-Verlag jedenfalls setzt offenkundig auf eine treue Lesergemeinde und geht gleich mit einer Startauflage von 200.000 Exemplaren ins Rennen.

Kultur Hannoverscher Kunstkritiker - Freunde erinnern mit Buch an Ludwig Zerull
Rainer Wagner 27.08.2012
Kultur „Lebensfluten - Tatensturm“ - Neue Goethe-Ausstellung in Weimar
27.08.2012
27.08.2012