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20:20 21.12.2010
Von Kristian Teetz
Das Christentum als Popphänomen: Eine Szene mit Ted Neeley als Jesus in Norman Jewisons Verfilmung der Rockoper „Jesus Christ Superstar“. Quelle: Archiv
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Als die verschütteten Bergleute in der chilenischen Gold- und Kupfermine San José nach 69 Tagen erneut das Licht der Welt erblickten, dankten die meisten zuerst dem Allmächtigen. „Ich war bei Gott, ich war beim Teufel, sie kämpften um mich“, sagte der Kumpel Mario Sepúlveda nach seiner Rettung. „Gott hat gewonnen.“ In den Ohren vieler Mitteleuropäer klingen solche Worte heute eher fremd. Für sie ist die Rettung der Bergarbeiter das Ergebnis von Wissenschaft, Technik und Logistik.

Wer die derzeitige Epoche als „Zeitalter der Säkularisation“ charakterisiert, hat eine eher eurozentrische Sicht der Dinge. Der Blick über die Grenzen unseres Kontinents hinaus zeigt: Die Religion hat nichts von ihrer Faszination verloren.

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„Vor einem Jahrhundert lebten in Afrika schätzungsweise zehn Millionen Christen und dreieinhalbmal so viele Muslime“, sagt der Theologe Friedrich Wilhelm Graf. Heute seien es rund 330 Millionen Muslime und 350 Millionen Christen. Aber auch in Asien und Lateinamerika hat das Christentum erfolgreicher missioniert als der Islam. In China leben nach aktuellen Schätzungen rund 80 bis 100 Millionen Christen.

In Europa schwanken Christen zwischen Resignation und der Hoffnung auf eine Renaissance. Auf der einen Seite kämpft vor allem die katholische Kirche nach den Missbrauchs- und Vertuschungsskandalen um Glaubwürdigkeit und Gläubige. Auf der anderen Seite führen die Folgen einer komplett materialistischen und ökonomisierten Welt viele Sinnsuchende aus ihrer transzendenten Obdachlosigkeit wieder zurück in das Haus des Glaubens. Das kann christlich oder buddhistisch gebaut sein – oder aus beidem. Denn viele Menschen bedienen sich auch gern aus dem Reservoir unterschiedlicher Religionen. Die Religionssoziologen sprechen dann von „spirituellen Wanderern“ oder „Religionsbastlern“.

Die Ersatzreligion des Materialismus scheint jedenfalls keine dauerhaften Anhänger zu finden. „Das Verschwinden der Religion produziert geradezu ihre Wiederkehr“, heißt es dialektisch in dem Buch „Religion und Gesellschaft. Zur Aktualität einer unbequemen Beziehung“ (Suhrkamp, 300 Seiten, 14 Euro). Dieses Buch ist die schriftliche Variante eines Telekollegs des Hessischen Rundfunks, das ein breites Spektrum zentraler und aktueller Glaubensfragen abdeckte. Für Leser, die eine schnelle und doch fundierte Einführung in das Thema Religion suchen, finden sich in diesem Buch historische Abrisse, Aufsätze über Glaube und Neurowissenschaft, die Krise der Großkirchen und die Frage, ob Gott Humor hat.

Über die gegenwärtige Situation von Glaube und Kirche spricht Papst Benedikt XVI. in dem Band „Licht der Welt. Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit“ (Herder, 255 Seiten, 19,95 Euro). Und er äußert sich so ausführlich wie noch kein Papst vor ihm gegenüber einem Journalisten. Benedikts Ankündigung, unter besonderen Umständen den Katholiken den Gebrauch von Kondomen zu erlauben, ging durch die Nachrichten. Darüber hinaus bietet der ehemalige Kardinal Josef Ratzinger einen sehr persönlichen Einblick in seine „Arbeit“. Im Jahr 2005 habe er, so Ratzinger, sich schon sehr auf seinen bevorstehenden Ruhestand gefreut. Dann kam die Wahl auf den Heiligen Stuhl. „Dass ich mich plötzlich dieser gewaltigen Auf­gabe gegenübersah, war, wie alle Leute wissen, ein Schock für mich.“ Aber das Buch, das auf fünf einstündigen Gesprächen mit dem Journalisten und gläubigen Katholiken Peter Seewald fußt, besteht bei Weitem nicht nur aus persönlichem Geplauder.

Er äußert sich auch über den massiven Missbrauch von Kindern durch katholische Geistliche. Hier zeigt sich der Papst betroffen, und man nimmt es ihm ab. Er stellt sich diesen Fragen vergleichsweise offen und nimmt auch Stellung zu Themen wie Frauen als Priester, dem Verhältnis zum Islam oder dem Fall des ­Piusbruders Richard Williamson, der den Holocaust leugnet und dessen Exkommunikation Benedikt aufgehoben hat. Der Papst bezeichnet dies unverhohlen als Fehler und sagt einen Satz, der die Kirche plötzlich ganz weltlich werden lässt: „Leider hat niemand bei uns im Internet nachgeschaut und wahrgenommen, um wen es sich hier handelt.“

Im Internet findet sich bekanntlich fast alles. Wer aber etwas über die Geschichte des Christentums lesen will, sollte eher im 800-Seiten-Wälzer „Erinnerungsorte des Christentums“ (C. H. Beck, 38 Euro) surfen. Mit „Erinnerungsorte“ sind nicht nur geografische Orte wie Regensburg, Santiago de Compostela und Taizé gemeint, sondern es geht allgemein um Fixpunkte des Christentums – wie etwa das Gebetsbuch, ­Caritas und Diakonie oder Kirchentage. Die beiden Herausgeber der Aufsatzsammlung, Christoph Markschies und Hubert Wolf, beide Kirchenhistoriker, der eine Protestant, der andere Katholik, wollen beiden Konfessionen des Christentums gerecht werden. In dem Band mit seinen 44 Beiträgen werden aber auch die dunklen Kapitel wie das Verhältnis zwischen dem Nationalsozialismus und den Kirchen nicht ausgespart.

Ende des vierten Jahrhunderts findet sich bei dem Mönch Euagrios Pontikos erstmals eine Auflistung der schlimmsten moralischen Vergehen. Heute sprechen wir von den „sieben Todsünden“. Der israelische Mittelalterforscher und Religionswissenschaftler Aviad Kleinberg untersucht in seinem sehr lesbaren und persönlichen Essay „Die sieben Todsünden“ (Insel, 239 Seiten, 19,90 Euro), wie die einzelnen Sünden noch heute unser Leben beeinflussen. Aber er verliert auch ihre jahrhundertealte Geschichte nicht aus den Augen. Und wenn Kleinbergs Sohn nach dem Verschlingen eines Zweipfundsteaks sagt, wie froh er ist, ahnen wir, dass ein Leben ohne Völlerei und andere Sünden auch nicht glücklich macht.

Der Gerechtigkeitsphilosoph John Rawls hat zwei Texte über die Religion hinterlassen, die kurz nach seinem Tod 2002 gefunden und die jetzt unter dem Titel „Über Sünde, Glaube und Religion“ (Suhrkamp, 343 Seiten, 26,90 Euro) veröffentlicht wurden. Ergänzt werden sie durch Beiträge der Philosophen Thomas Nagel, Joshua Cohen und Jürgen Habermas, die diese Texte in das philosophische Werk Rawls’ einordnen. Sie zeigen, dass seine Auffassung von Gerechtigkeit „aus seiner persönlichen Glaubenserfahrung gespeist“ wurde.

Der Wissenschaftsjournalist Gert ­Scobel versucht in seinem Buch „Der Ausweg aus dem Fliegenglas“ (S. Fischer, 463 Seiten, 22,95 Euro) die Antagonisten „Glaube“ und „Vernunft“ in Einklang zu bringen. Mit diesem „dritten Weg“ kann der westliche Fernseh­zuschauer dem Gott dankenden chilenischen Bergarbeiter dann vielleicht wieder etwas näherkommen.

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