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15:54 02.03.2015
Von Mathias Begalke
„Die Vergangenheit kann man nicht abkoppeln“: Nena wirkt gar nicht gealtert - und sie fühlt sich auch nicht so. Quelle: Axel Heimken/dpa
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Die Farbe von Nenas Augen ist kaum zu erkennen. Das Schwarz, mit dem sie noch weiträumiger als sonst umrandet sind, scheint alles Hellere aufzusaugen. Nicht nur für diese Kajal-Augen, sondern für die ganze Frau gilt der Dresscode The Cure. Haare, Kleidung, Schuhe: schwarz. Nur ihre Lippen und Fingernägel sind rot. Diese Farbe hatte auch der Minirock, den sie damals, 1982, im „Musikladen“ trug, als sie und ihre Band „Nur geträumt“ das erste Mal im Fernsehen aufführten. Das Rot ist eine Reminiszenz an ihre große Zeit. Nena ist 54 Jahre alt, da kann man auch mal nostalgisch werden.

In ihrem düsteren Outfit wirkt die Sängerin ziemlich undurchschaubar. Ganz anders jedenfalls als die umarmungsfreudige Jury-Nena von „The ­Voice of Germany“, als die man sie zuletzt im TV sah. Nur ihr lautes Lachen, das klingt wie immer - nach einem Sommerferientag im Freibad. Hier in Hamburg, am zweiten von drei Pressetagen, gibt sie zwölf Interviews am Stück, um über ihr neues Album, das 18., namens „Oldschool“ zu sprechen. Ob sie mit ihrer Optik gegen irgendetwas protestieren will? Wohl eher nicht, eine Rebellin war sie nie. Sie sieht jetzt nur so aus. Nenas eigenartige Schwärze bietet jedenfalls einen angenehmen Kontrast zur blonden, bauchfreien, multifunktionalen, allgegenwärtigen Helene Fischer.

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Als die Hysterie endete

„Die Achtziger öden mich an“, hat Nena in früheren Interviews wiederholt gesagt. Bei „Wetten, dass ...?“ vor drei Jahren weigerte sie sich sogar zurückzublicken: „Also, ich bin jetzt nicht hier, um über damals zu reden, Leute!“, erklärte sie, als würden ihre aktuellen Arbeiten ständig zu wenig gewürdigt.

110-mal war sie auf dem „Bravo“-Titel. Irgendwann endete die Hysterie. Die neuen Teenies suchten sich neue Idole. Aber Nena überlebte die Neue Deutsche Welle, auch weil sie einen Mann kennenlernte, mit dem sie Kinder haben wollte. „Wunder gescheh’n“, 1989 ihr erster Soloerfolg, klang überzuckert, und sie reagierte fortan genervt, wenn man sie für eine Schlagersuse hielt.

Gabriele Susanne Kerner, so ihr richtiger Name, wurde Mutter von fünf Kindern. Sie machte weiter ziemlich jugendfreie Musik, nahm Kinderlieder auf und 20 Jahre nach ihrem „Musikladen“-Auftritt noch mal die alten Hits - unter anderem mit Kim Wilde, einem Gast aus den Achtzigern. Nena gelang damit ein starkes Comeback. Bis heute verkaufte sie 25 Millionen Alben, gründete zwischendurch eine alternative Schule - und sie wollte nicht erwachsen sein. „Nein, ich bin nicht erwachsen“, behauptete sie lange.

Nena-Fans wollten nicht erwachsen werden

Erwachsen im Sinne des Nachkriegsschlagers „Mit 17 hat man noch Träume“, den die Generation ihrer Eltern so liebte, wollten auch viele Nena-Fans nicht werden. Denn sie wollten auch mit 18 noch träumen. Beruf ergreifen, Haus bauen, Familie gründen. Ernst des Lebens. Sicherheit. Das war für viele Eltern, die - wie die von Nena - Krieg, Flucht oder Vertreibung miterlebt hatten, vorrangig. Aber für die Kinder galt das so nicht mehr.

Als Frontfrau in einer von Rocktypen dominierten Branche half Nena mit beim Emanzipieren, genauso wie ihr Vorbild Debbie Harry von der amerikanischen New-Wave-Band Blondie. Das „neue deutsche Mädchen“ („Quick“) definierte auch Erwachsensein anders, freier. 1960 geboren, ist sie als Lehrertochter in der Bundesrepublik behütet aufgewachsen. Sie konnte nach ihrer Lehre zur Goldschmiedin weiter träumen und nach Selbstverwirklichung streben.

In „Fragezeichen“ (1984) beschrieb sie dieses Suchen, das Tasten, Testen und Driften, auch die Unsicherheit. „Ich seh mich um, probiere was, ich kenn’ den Weg nicht so genau“, hieß es da. Das traf den Nerv. Nena singt das Lied bis heute.

Nena ist „berufsjugendlich“

„Ich bin eine erwachsene Frau mit jugendlichen Gefühlen“, kann sie inzwischen von sich sagen. „Ich weiß ja selber nicht, wie das Leben funktioniert. Ich bin da genauso Forscherin wie wir alle.“ Jung übersetzt sie mit „offen zu sein für Neues“ und „sich Unbekanntem gegenüber nicht zu verschließen“. Sie versuche, „einfach nicht aufzuhören zu staunen“.

Bewunderer finden, sie sei der „Idealtyp jeder Anti-Aging-Kampagne“. Die „Bunte“ schreibt: „So sieht eine sexy Oma aus!“ Nena, die 91 Prozent aller Deutschen kennen, gelingt offensichtlich etwas, wofür sie von vielen beneidet wird. Dem Spott, auf den sie zuweilen trifft, begegnet sie mit Selbstironie: „Die Alte macht auf hip“, singt sie in „Berufsjugendlich“. Wie hat denn eine Frau mit 54, die dreifache Großmutter ist, auszusehen? Wie benimmt sie sich? Wann hört die Suche auf? Wann der Spaß? Was bedeutet es, erwachsen zu sein? Wie altert man altersgerecht? Sie fragt: „Muss ich jetzt Ohrringe aus Perlen tragen?“ Ihr Freibad-Lachen erklingt oft im Gespräch.

„Es ist eine Illusion zu glauben, die Vergangenheit abkoppeln zu können“, sagt sie. Ohne ihren Welthit „99 Luftballons“ säße sie jetzt nicht bei diesem Interview. Ohne ihr erstes Kind, ihren Sohn Christopher, der 1988 durch Sauerstoffmangel behindert zur Welt kam und nach elf Monaten starb, auch nicht. In „Schicksal“ singt sie über diese Puzzleteile aus Erziehung und Erfahrungen, Umfeld und bestimmten Umständen, die einen Menschen prägen.

Passendes Outfit zur Musik

Das neue Album hat der Hamburger Rapper Samy Deluxe produziert. Die Texte schrieben sie gemeinsam, die meisten, wie der von „Bruder“, einem Song über ihr totes Kind, lassen kaum Platz für Interpretationen. „Und dein Weg hat trotzdem einen Sinn“, singt sie. Die Melodie würde Saint-Exupérys kleinem Prinzen gefallen.

„Kreis“ dagegen ist für Nena-Verhältnisse ungewöhnlich stark verschlüsselt, der Sound aggressiv. Die 54-Jährige klingt überhaupt nicht jugendlich unbekümmert. Wer sind diese „Querdenker in Teufelskreisen“, über die sie da singt? Meint die eigenwillige Sängerin sich selbst in der Castingshow-Welt, in der sie sich nicht mehr wohlfühlte? Ist sie deshalb als „The Voice of Germany“-Jurorin ausgestiegen? Nenas Antwort ist vage, diplomatisch. Sie spricht von „selbst kreierten Schlingen, die man sich um den Hals legt“ und bezeichnet sich als „Springerin“. „Ich will eigentlich nie lange irgendwo verhaften. Aber es waren drei schöne Jahre“, sagt sie, als müsse sie auch jetzt gleich wieder los.

Es ist wohl diese Bereitschaft zur Beweglichkeit, die sie so jung erscheinen lässt. Man denkt an „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“, an die Melancholie, den Optimismus, die Naivität dieses Hits, und man stellt sich vor, wie Nena und ihre Freunde noch immer „auf Feuerrädern Richtung Zukunft durch die Nacht“ fahren.

Ihr Outfit passt gut dazu.

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