Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Neues Buch über den Boss Bruce Springsteen
Nachrichten Kultur Neues Buch über den Boss Bruce Springsteen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 04.04.2013
„Ist ein Traum eine Lüge, wenn er nicht wahr wird – oder ist es schlimmer?“: Bruce Springsteen 1975.
„Ist ein Traum eine Lüge, wenn er nicht wahr wird – oder ist es schlimmer?“: Bruce Springsteen 1975. Quelle: Archiv
Anzeige
Hannover

Brucie dreams“, lästerte Paddy McAloon von der englischen Band Prefab Sprout: Brucie träumt, das Leben sei eine Straße. „Dabei gibt es Dinge, die mehr, viel mehr schmerzen als Autos und Mädchen.“ Der Song „Cars and Girls“ sollte eine Antwort sein auf das vermeintlich limitierte, Highway-fixierte Repertoire von Bruce Springsteen. 1988, als der Song veröffentlicht wurde, galt Springsteen als der Superrocker schlechthin. Allein in Amerika hatte es drei Jahre zuvor jede der sieben Singles seines Albums „Born in the U.S.A.“ in die Top Ten geschafft. Wie die Stones drehte er Riesenrunden um die Welt. Paddy konnte den allgegenwärtigen „Brucie“ wohl einfach nicht mehr hören.

Dabei sollte Springsteen nicht träumen. Am liebsten hätte es ihm sein Vater verboten, um ihn auf das triste Leben eines armen Schluckers vorzubereiten. Ein Leben wie es der desillusionierte Douglas „Doug“ Springsteen selbst führte.

Alles nur ein Traum? In einer neuen, autorisierten Biografie erzählt Peter Ames Carlin vom Leben, Leiden und von den Liedern Bruce Springsteens.

In seiner gerade veröffentlichten Springsteen-Biografie „Bruce“ beschreibt Autor Peter Ames Carlin den Vater als „gequälte Seele“. Mit 16 die Schule abgebrochen, um in der Teppichfabrik zu arbeiten - so wie viele andere auch in der Kleinstadt Freehold, New Jersey. Doch dann kam der Zweite Weltkrieg. Doug diente als Lastwagenfahrer in Europa. Nach Kriegsende machte die Fabrik dicht. Die Jobs wurden knapp. Der Vater war, als der Sohn anfing, in Bands zu spielen, immer noch Hilfsarbeiter. Nachts saß er oft stundenlang in der dunklen Küche, rauchte, soff und grübelte. Kein Licht, keine Hoffnung. Dafür Depressionen. Die Mutter hatte Bruce die erste Gitarre gekauft, der Vater sagte nur „Krach“. „Es war nicht das, was er tat. Es war das, was er nicht tat“, erzählte der heute 63-jährige Spring-steen seinem Biografen. „Es war diese völlige Verweigerung von Anerkennung. Es war diese Leere.“

„Drift-Modus“ bezeichnet Carlin die Einstellung, die schon Springsteens Großvater Fred vorgelebt hatte. Ohne Ehrgeiz, mutlos. Fred, gelernter Elektriker, durchwühlte den Müll anderer Leute nach alten Radios, die er reparierte und dann verkaufte. Seine Traurigkeit hatte einen tragischen Grund. Er und seine Frau Alice hatten den Tod ihrer Tochter Virginia, Dougs großer Schwester, nie verkraftet. Sie war im Alter von fünf auf ihrem Dreirad von einem Lastwagen erfasst worden. „Ich war gefangen in der Rolle, die sie mir zugedacht haben, nämlich ihr verstorbenes Kind zu ersetzen“, sagt Springsteen. Er nennt die Zuneigung seiner Großeltern „emotionalen Inzest“.

In dieser eigenartigen Umgebung hat er sowohl den Hang zum Einzelgängertum als auch den Wunsch, ständig im Mittelpunkt zu stehen, auf natürliche Weise entwickelt, schreibt Carlin. Dann sah Springsteen, der acht Jahre alte Außenseiter, 1957 das erste Mal Elvis Presley im Fernsehen. „Elvis brachte mich darauf, dass man auch anders sein konnte“, sagt er. Dass Andersartigkeit nicht falsch sein muss. Dass man auch als Müllsucher erhobenen Hauptes durchs Leben gehen kann.

In die Rolle eines einfachen Arbeiters wie sein Vater schlüpfte Springsteen das erste Mal 1975 in dem Lied „Night“. Die Arbeit ist mies, nur in der Nacht findet der Mann Erlösung. Im Song „The River“ (1980) ist er seinen Job los, und Spring-steen fragte sich: „Ist ein Traum eine Lüge, wenn er nicht wahr wird - oder ist es schlimmer?“ Auf „Born in the U.S.A.“ (1984) beschreibt er den Verfall der Städte, nachdem die Fabriken schließen mussten. Soziale Ungerechtigkeiten beschäftigen ihn bis heute: Auch mit seinem aktuellen Album „Wrecking Ball“ (2012) schlägt er sich auf die Seite der Schwachen, die in den USA allzu oft sich selbst überlassen werden; er singt über die kleinen Leute, die durch den ungezügelten Kapitalismus und skrupellose Spekulanten ihre Jobs oder Häuser verloren. Diesen Blick von unten auf die Kluft zwischen amerikanischem Traum und amerikanischer Realität, den entwickelte er damals in dem Haus an der Randolph Street, in dem er aufwuchs.

Carlin veröffentlichte bereits Biografien über Paul McCartney und Brian Wilson. Sein erstes Springsteen-Konzert sah er 1978 in Seattle. Er ist Fan. Sonst würde er den Musiker nicht 592 Seiten lang „Bruce“ nennen. Aber Carlin ist auch Journalist. Er wahrt die Distanz, er recherchierte gründlich, befragte Angehörige, Ex-Freundinnen, E-Street-Band-Mitglieder und Springsteen selbst. Die Vater-Sohn-Beziehung liefert er dem Leser als einen Schlüssel zu dessen Alben und selig machenden Konzerten, in denen der Rock-’n’-Roll-Populist nicht selten drei Stunden schuftet und schuftet und schuftet. Als müsste er jeden Abend aufs Neue beweisen, dass er etwas taugt.

Der Autor berichtet, dass Springsteen, dessen Musik so tröstlich ist, jahrzehntelang therapeutische Hilfe hatte und 2003 begann, Antidepressiva zu nehmen. Von den Charakteren auf den düsteren Alben „Darkness on the Edge of Town“ (1978) und „Nebraska“ (1982) schließt er auf den Sänger: „All die Sehnsüchte und die Schwermut waren Bruce wohlvertraut. Und so war es letztlich das, was ihm selber das Leben schwer machte, was ihn so authentisch wirken ließ und erheblich zu seinem Erfolg beitrug.“

Vom Rock-’n’-Roll-Punk zur amerikanischen Ikone, dessen Songs sogar auf Beerdigungen mancher 9/11-Opfer gespielt wurden - Carlin würdigt den gesellschaftskritischen Singer/Songwriter, indem er ihn auf eine Stufe mit Mark Twain und John Steinbeck stellt. Selbstverständlich liefert er alles Wissenswerte, was in eine Springsteen-Biografie gehört. Auch zum Thema Straßen. Folgendes dürfte Paddy McAloon interessieren:

1. Springsteen brachte bereits 1973 auf seinem ersten Album „Greetings from Asbury Park, N.J.“ die ewige Sehnsucht danach, woanders zu sein, und seine Faszination für Straßen zum Ausdruck.

2. Den Rattlesnake Speedway aus „The Promised Land“ befuhr er tatsächlich, und zwar am 18. August 1977, zwei Tage nach Elvis Presleys Tod. In einem offenen roten Ford Galaxie 500 XL. Irgendwo in Utah. Dort, in der Wüste, erlebte er auch diesen heftigen Sturm, der, wie er singt, all die Träume, die einen so verwundbar machen, zerstören soll.

3. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er sich mit dem Album „Born To Run“ von seiner jugendlichen Vorstellung von Liebe und Freiheit verabschiedet. Es ist eine Illusion zu glauben, dass eine amerikanische Straße jedermann überall hinführen kann. Der Typ aus „Thunder Road“ weiß das. Er will sich trotzdem zusammen mit Mary auf den Weg machen. Die Möglichkeit des Scheiterns kalkuliert er ein. Seine Hoffnung aber, die ist ungebrochen.

Peter Ames Carlin: „Bruce“. Deutsch von Sonja Kerkhoffs. Edel. 592 Seiten, 24,95 Euro, E-Book inklusive.

Karten für das Konzert von Bruce Springsteen am28. Mai in der 96-Arena Hannover an allen HAZ-Vorverkaufsstellen.

Kultur Livetour und SAT.1-Show - Lena Meyer-Landrut startet neu durch
Imre Grimm 04.04.2013
04.04.2013