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11:59 26.08.2012
Herta Müller hat ein neues Buch geschrieben: „Vater telefoniert mit den Fliegen“. Quelle: dpa
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Berlin

In ihren Romanen hat Herta Müller immer wieder die Grauen der rumänischen Ceausescu-Diktatur in Worte gebannt - messerscharf, düster, bedrückend. Doch die inzwischen 59 Jahre alte Literaturnobelpreisträgerin hat auch eine ganz andere, eine spielerische Seite. Mit dem neuen Text-Collagen-Band „Vater telefoniert mit den Fliegen“, der an diesem Montag (27. August) erscheint, entführt die gebürtige Rumäniendeutsche die Leser jetzt wieder in ihr heiteres Reich der Schnipsel-Poesie.

Erst bei näherem Hinsehen entfalten die wunderbar leichten und skurrilen Reime ihre subversive Kraft: Oft erzählen sie von Lügen und Gewalt, Verlust und Flucht, Heimweh und Entwurzelung. „Mein Gedächtnis ist seltsam/Manches ist weg/Manches gestochen scharf wie feine Zähne beim Kamm“, schreibt Müller.

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Aus Zeitungen und Zeitschriften schneidet die Autorin Worte und Wortteile in verschiedensten Farben, Schrifttypen und Größen aus und setzt sie wie ein Puzzle neu zusammen. Fast 200 Texte umfasst der neue Band, jeweils ergänzt mit einer kleinen, schrägen Illustration. „Milch ist der Zwilling von Teer/In Weiß und Schwarz kann man lügen“, heißt zum Beispiel der Text, der dem Buch seinen Titel gab, „Mutter schiebt ein Bonbon im Mund hin und her/Vater telefoniert mit den Fliegen.“

Es ist das vierte Werk, das die Schriftstellerin in dieser spielerisch-fantasievollen Form veröffentlicht: Nach der losen lyrischen Kartensammlung „Der Wächter nimmt seinen Kamm“ von 1993 erschien 2000 das Collagenbuch „Im Haarknoten wohnt eine Dame“. Fünf Jahre später folgte die Sammlung „Die blassen Herren mit den Mokkatassen“.

In ihrem 2003 erschienenen Essayband „Der König verneigt sich und tötet“ beschreibt Müller, wie sie zu der Arbeit kam. „Es begann ja nur mit der Absicht, mich auf den vielen Reisen bei Freunden zu melden, etwas Eigenes in den Umschlag zu stecken, keine Ansichtskarte von Orten, wie Fotografen sie mit lokalpatriotischer Linse abgebildet hatten.“

Vom Rhythmus klingen die Texte oft wie Schüttelreime oder einfache Kinderlieder. Aber Herta Müller, in Rumänien bespitzelt und verfolgt, ehe sie 1987 nach Deutschland auswanderte, verdichtet in der scheinbar leichtfüßigen Form auf unnachahmliche Weise die großen Themen ihrer Romane - etwa „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ (1992), „Herztier“ (1994) und „Atemschaukel“ (2009).

„Als ich vom Verhör kam, war ich niemandes Kind mehr und mit mir nicht mehr verwandt. Am Strassenrand liefen die Möbel der Bäume/Nur wo kam der Wind her“, heißt es etwa im neuen Buch. Oder: „Hinter den Details sah man der Lüge frei ins Dekolleté/Mehlweiß ging sie bis zum großen Zeh“.

Nicht immer weiß der Leser, ob die Autorin gezielt in ihren riesigen Zettelkasten gegriffen hat oder ob es andersherum manchmal auch die Wörter sind, die sich wie von selbst zu diesem rätselhaften Panoptikum fügen. Aber das macht gerade den Reiz aus und lässt der Fantasie Raum zum Fliegen.

Es gebe ja keine eigene „poetische Sprache“, hat Herta Müller einmal im Interview gesagt. „Wir sind auf die Sprache der Nichtschreibenden angewiesen. Und wenn wir die so zusammensetzen können, dass etwas Unverhofftes passiert, dann entsteht so etwas wie Poesie.“ Ihrer Schere gelingt das Unverhoffte zuhauf. 

dpa

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