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20:58 01.01.2014
Von Rainer Wagner
Viel Luft von oben: Es regnet Ballons von der Decke des Opernhauses. Quelle: von Ditfurth
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Hannover

Nach einer langen Silvesternacht kann ein lautstarker Weckruf nicht schaden. Und weil ein guter Wecker auch pünktlich ist, startete das Niedersächsische Staatsorchester sein diesjähriges Neujahrskonzert zielgenau um zwölf mit Zequinha de AbreusTico Tico no Fubá“. Den Namen des Komponisten dürften im ausverkauften Opernhaus die wenigsten gekannt haben, das Stück schon eher. Vor allem, wenn sie in den sechziger Jahren einen Tanzkurz gemacht und sich in die Fortgeschrittenenabteilung „Lateinamerikanische Tänze“  gewagt haben. Dort stand „Tico Tico“ gerne als Musterbeispiel für Samba – aber in die Beine geht das auch, wenn man sitzt.

Generalmusikdirektorin Karen Kamensek ließ das Niedersächsische Staatsorchester entschlossen zur Sache gehen: Wenn sieben Schlagzeuger am Werk sind (und da ist der Mann an der Pauke noch nicht mitgezählt), dann ist Leben in der Bude. Und wenn sich einer der Rüttler und Schüttler mal ein wenig mit den vertrackten Rhythmen schwertut: vergeben und vergessen, vor allem, wenn wir uns erinnern, wie schwer wir uns beim Sambatanzen taten.

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Durch das Programm führte wieder Chefdramaturg Klaus Angermann, dessen roter Faden diesmal ein blaues Band war: Er nahm das Publikum mit auf eine Reise zu neuen Ufern und erinnerte daran, dass wir ohne Christopher Kolumbus nicht nur Amerika vermissen würden, sondern auch Silicon Valley, NSA und Popcorn.

Dann ging es mit dem „Vergnügungszug“ von Johann Strauss zurück in die Alte Welt, wo sich der (unfreiwillige) Exilösterreicher Erich Wolfgang Korngold für seine „Straussiana“ bediente. Das war, so Angermann, „Secondhand-Strauss“, aber erstklassig instrumentiert. Das kann man auch Hershy Kay nachsagen, der effektvolle Stücke von Louis Moreau Gottschalk noch effektvoller arrangiert hat: Selbst Fagott und Tuba können sich herzlich für die Chance zur (Selbst-)Darstellung bedanken.  Gottschalk war vor anderthalb Jahrhunderten so etwas wie eine Mischung aus David Garrett und Lang Lang, nur dass er auch komponieren konnte. Da gibt es, vor allem für Pianisten, die auch sehr gut Geige spielen können, vieles zu entdecken.

Wiederentdeckt werden sollte auch George Enescus „Rumänische Rhapsodie“ Nr. 1 – die zweite ist kaum weniger wirkungsvoll. Vor über 100 Jahren wurden sie so populär, dass es ihrem Schöpfer schon peinlich war. Heute taugen sie, so Moderator Angermann,  immerhin als gutes Argument dafür, dass Zuwanderer aus Rumänien (und Bulgarien) durchaus willkommen sein können!

Nach der Pause ging es dann ebenso tänzerisch weiter: Dass Carl Binders Arrangement einer Ouvertüre zu „Orpheus in der Unterwelt“ etwas sentimentaler tönt als es Jacques Offenbach eigentlich (zu)steht, darf man unter dem Stichwort „Butter bei die Fische“ verbuchen, schließlich gab es nach dem Konzert in den Foyers noch kulinarische „Meeresschiffchen-Variationen“ für die Gäste: Was man aus einfachem Weißbrot alles machen kann, wenn man es richtig aufschneidet!
Im Staatsorchester konnte sich kaum ein Solist beschweren, dass er keinen großen Auftritt hatte – und genießen konnte. Auf Ausschnitte aus Georges Bizets „Arlésienne“-Musik folgten zwei Stücke von Slavko Avsenik, der den Älteren noch durch seine Oberkrainer Musikanten vertraut sein sollte. Das schlug einerseits den Bogen zurück zu Karen Kamenseks Wurzeln, denn Oberkrain liegt südlich von Kärnten in Slowenien, demonstrierte andererseits, wie professionell früher volkstümliche Musik gemacht wurde.

Natürlich darf an einem Neujahrskonzert die Huldigung von Johann Strauss (Sohn) an die „Schöne Blaue Donau“ nicht fehlen. Hier zeigte die Chefdirigentin, dass ein Niedersächsisches Staatsorchester nicht zwangsläufig „erdverwachsen“ sein muss, wenn es um Walzerseligkeit geht.

Danach ging es noch einmal zu neuen Ufern mit Arturo Márquez’ „Conga del Fuego Nuevo“, in der nicht nur die Congas neues Feuer beschwören. Das war ein Echo auf das Feuerwerk zur Jahreswende, bei dem der Solotrompeter  nach guter mexikanischer Mariachi-Tradition ruhig hätte aufstehen dürfen: Herausragend war das in jedem Falle.

Für Rührung war danach nur der Mann an der kleinen Trommel zuständig, der im Alleingang den Rhythmus für den unvermeidlichen „Radetzky-Marsch“ vorgab. Hier zeigte Karen Kamensek, dass sie auch ein klatschfreudiges Publikum dirigieren kann. Und weil die Besucher schon einmal dabei waren,  klatschten sie auch ohne Musikvorgabe lauthals weiter: viel Beifall, viele Luftballons von oben und viel gute Laune. Musikalisch fing das neue Jahr jedenfalls hier gut an.

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