Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Neujahrskonzert mit dem Staatsorchester
Nachrichten Kultur Neujahrskonzert mit dem Staatsorchester
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:39 26.01.2010
Anzeige

Na schön, am Neujahrstag sollte es in der hannoverschen Staatsoper also um Nationalklischees gehen. Dann kehren wir aber auch gleich mal vor der eigenen Haustür. Und finden: die ewige Unzufriedenheit mit allem und mit jedem. Also wirklich, da hat der Hannoveraner nun endlich mal ein jahreszeitgerechtes Winterwunderland aus frisch gefallenem Pulverschnee – und was macht er? Er wünscht sich beim Neujahrskonzert ins Land, wo die Zitronen blühn.

Aber gut: Man kann es sofort verstehen, wenn das Staatsorchester zur machtvollen Leidenschaftsentfaltung ansetzt, wenn markant die Hörner auffahren, lieblich die Harfentöne plinkern und auch die Solovioline ihren Liebeskummer aussingt.

Aber vor allem ist es natürlich Tenor Sung-Keun Park, der plötzlich vergessen lässt, dass sich das Publikum eigentlich zur zackigen Walzer- und Polkabespaßung eingefunden hat. Park singt im Neujahrskonzert hochromantische italienische Bravour-Kanzonen, die mit allem protzen, was man in der Oper mittlerweile etwas schief anschaut.

An diesem Neujahrsvormittag aber dürfen sich Solist und Publikum so richtig gehen lassen. „Core ’ngrato“ von Salvatore Cardillo etwa ist gewiss nicht subtil, dafür wird aber ganz herrlich geschmachtet. Das Pathos steigt ohne schlechtes Gewissen geradezu ins Unermessliche – und ihm nach folgt Parks Stimme, die wie gemacht ist fürs italienische Heldenfach. Die Bravos lassen selbstverständlich kein bisschen auf sich warten.

Ja, Generalmusikdirektor Wolfgang Bozic hat auch den guten, alten Strauss (junior) aufs Programm gesetzt – und zwar mit einigen seiner stärksten Durchhaltenummern, die extra fürs Krisenjahr geschrieben scheinen: „Freut euch des Lebens“ oder „Ohne Sorgen!“ Nicht schlecht, aber die beste Idee für dieses Konzert ist doch tatsächlich die Flucht in den Süden.

Chefdramaturg Ulrich Lenz moderiert das musikalische Fernweh mit einigen überraschend gehässigen Spitzen gegen italienische Muttersöhnchen, klein gewachsene Spanier und eingebildete Franzosen, die unentwegt hartes Baguette und mittelgiftigen Käse essen. Denn als hochwillkommene Ergänzung zur österreichischen Walzerseligkeit sind es diese drei Nationen, die im Fokus des Abends stehen.

Und so wie Park Italien zum Leben erweckt, ist Mezzosopranistin Monika Walerowicz für Frankreich zuständig. Genauer: für die Auvergne, deren Volksmusik Joseph Canteloube um 1930 herum mit hell strahlender Leichtigkeit vertonte. Walerowicz verbindet in ihrem Gesang das huldvoll Verklärte mit äußerst keckem Augenklimpern und einer einschmeichelnden stimmlichen Attraktivität.

Arantxa Armentia, die als gebürtige Spanierin besonders kompetent ihr Heimatland vertritt, hat es dagegen mit den etwas spröden Liedern von Manuel de Falla deutlich schwerer, das Publikum zu bezirzen. Ihre Interpretation des so schlichten wie schönen Wiegengesangs „Nana“ gehört trotzdem zu den Höhepunkten des Konzerts. Zumal sie dann auch noch auf sehr lebendige Weise vom spanischen Silvesterbrauch des Trauben-essens berichtet.

Sung-Keun Park kann da nicht nachstehen, er demonstriert eine traditionelle koreanische Neujahrsverbeugung und führt am Ende das Solistenterzett noch einmal zur Zugabe auf die Bühne. Mit einer unwiderstehlichen Mischung aus reiner Hingabe und neckischer Selbstironie führen die drei „O sole mio“ auf und lassen das Publikum endgültig dankbar werden – für ein Neujahrskonzert, das die Wiener Lustigkeitsroutine gegen überraschende Gefühlsvielfalt eingetauscht hat.

Dann fallen die Luftballons von der Decke, Bozic gibt dem schwärmerischen Orchester noch einmal richtig Zucker, und das Publikum applaudiert im Stehen.

André Mumot

Alle Veranstaltungen im Opernhaus