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Kultur „New Moon“: Das große Schmachten
Nachrichten Kultur „New Moon“: Das große Schmachten
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19:18 25.11.2009
Von Stefan Stosch
Unsterblich verliebt: Edelvampir Edward (Robert Pattinson) und Highschool-Girl Bella (Kristen Stewart). Quelle: Concorde
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Bella nervt. Zum Beispiel, wenn sie ins Kino geht. Bella (Kristen Stewart) will immer in die Filme mit den „menschenfressenden Zombies“, wie es ihre Freundin ausdrückt, die Filme dagegen, in denen „Typen küssen“, verschmäht sie. Das könnte daran liegen, dass Bella ein etwas anderes Verhältnis zu Untoten hat: Sie will partout den Zombie küssen.

Nun gut, ihr Favorit ist kein hässliches Schattenwesen, sondern ein vornehm blass geschminkter Vampir namens Edward, gespielt vom Mädchenschwarm Robert Pattinson. Edward gehört Bellas ganzes Herz. Und Edward bricht es im zweiten Teil der „Twilight“-Saga „New Moon – Bis(s) zur Mittagsstunde“. Zumindest vorübergehend.

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Man darf jetzt ruhig einmal innehalten und sich wundern: Ein Vampir, der Mädchenherzen bricht – so war das ursprünglich nicht gedacht. Der Weg war weit vom historisch verbürgten Fürsten Vlad III. Draculea, genannt: der „Pfähler“, einem rumänischen Adeligen des 15. Jahrhunderts, der wegen seiner Brutalität als Urvater der Vampire gilt, bis zum aktuellen Schönling Edward. Den hat die US-Autorin Stephenie Meyer erfunden und damit eine Projektionsfläche für Jugendliche geschaffen, die sich nach der ewigen Liebe sehnen, es dabei aber vorsichtig angehen lassen wollen.

Angekommen in der Populärkultur war „Graf Dracula“ schon 1897 mit Abraham Stokers Roman. Im Kino feierte der Vampir in Friedrich W. Murnaus „Nosferatu“ (mit Max Schreck, 1922) als kahler Widerling erste Erfolge. Später machten die Untoten mit den spitzen Zähnen in Splatterfilmen Furore. Zugleich schritt die Evolution des Vampirs in Gestalt von Bela Lugosi, Christopher Lee oder Klaus Kinski unaufhaltsam voran. Roman Polanski bewies in „Tanz der Vampire“ (1967), dass die Zeit reif für eine Blutsauger-Farce war. Brad Pitt gab den innerlich zerrissenen Dandy in „Interview mit einem Vampir“ (1994). Die Domestizierung dieser komplizierten Wesen scheint unaufhaltsam.

Inzwischen leidet der Blutsauger am meisten an sich selbst und seiner Unsterblichkeit. Knoblauch und Kruzifix können ihn nicht schrecken. Und wenn ein Romantiker wie Edward ins Tageslicht tritt, das seine Vorgängervampire verbrannte, dann funkelt seine Haut als sei sie mit Diamanten besetzt. Gern sagt der junge Mann mit dem trauerumflorten Blick Sätze wie: „Du bist die Einzige, die mir wehtun könnte.“ Oder: „Du gibst mir alles, indem du da bist.“ Bei solchen Komplimenten schmilzt Bella dahin.

Am 26. November startet die „Twilight“-Fortsetzung „New Moon“ in den deutschen Kinos.

Doch dann entscheidet sich Edward, aus ihrem Leben zu verschwinden. Er will sie schützen – vor seinesgleichen. Und nun beginnt für Bella das große Schmachten. Auch für die Pattinson-Fangemeinde im Kinopublikum: Edward taucht – abgesehen von einigen geisterhaften Erscheinungen – erst in der letzten halben Kinostunde wieder in ganzer Schönheit auf.

Seinen Platz nimmt in „New Moon“ ein Rudel durchschnittlich animierter, dafür aber bestens durchtrainierter Werwölfe ein. Wenn sie gerade nicht die Zähne fletschen und knurrend durch den Wald hetzen, treten sie als indianische Jünglinge mit freiem Oberkörper auf. In ihrem Zentrum: Jakob (Taylor Lautner), Bellas Jugendfreund.

Aus ästhetischer Sicht wären die Werwolf-Burschen ein echter Gewinn für jedes Fitnessstudio – doch letztlich kann auch Posterboy Jakob Bellas Einsamkeit nicht abhelfen.

Dramaturgisch wird daraus ein Problem in dem Film von Regisseur Chris Weitz: Lange Zeit haben wir es mit einer Pubertierenden zu tun, die stumpfsinnig in die Gegend starrt und mit ihrem Selbstmitleid nicht nur ihren Vater in die Verzweiflung treibt. Echte Feministinnen müssten beim Anblick von Trauerkloß Bella ungefähr so blass werden wie Vampir Edward. Allerdings vor Ärger: Hat dieses Mädchen kein anderes Lebensziel als diesen Typen?

Wie jeder Leser von Meyers Romanen weiß, leidet Edward jedoch mindestens genauso. Dann endlich darf Bella sich aus ihrer Lethargie befreien und ins schöne Italien aufbrechen, um umgekehrt mal Edward zu retten. Das ist eine Gelegenheit für Pattinson, seinen (nicht ganz so muskelbepackten) Oberkörper vorzuzeigen. Damit ist die Trennungsphase zwischen Bella und Edward vorbei und die Ausgangssituation wieder erreicht.

New Moon“ ist nicht viel mehr als ein Umweg in der Beziehung einer – zugegeben: ziemlich ungewöhnlichen – Teenie-Liebe. Von nun an liegt Bella ihrem geliebten Vampir wieder in den Ohren mit ihrer Dauerforderung: „Ich möchte, dass du es bist, der es tut.“ Wer glaubt, dabei ginge es um Sex, liegt falsch: Bella will werden, was Edward ist – ein Vampir.

Dem jungen Mädchen kann gewiss geholfen werden: Die nächsten Filme der Vampir-Saga sind in Hollywood bereits in Arbeit.

Bisschen blutleer: Blasse Fortsetzung. Cinemaxx Raschplatz, Cinemaxx Nikolaistraße, Utopia, CineStar, 
Neue Schauburg.